Philipp Rösler will den Tiger reiten

Alter und neuer Chef: Philipp Rösler (r.) sendet klare Signale - auch Guido Westerwelle muss sich nun einreihen. dpa
Alter und neuer Chef: Philipp Rösler (r.) sendet klare Signale - auch Guido Westerwelle muss sich nun einreihen. dpa

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13. Mai 2011, 06:57 Uhr

Rostock | Gattin Wiebke flüstert ihm noch schnell etwas ins Ohr, dann eilt Philipp Rösler auf die große Parteitagsbühne. Ein Mann auf dem Weg nach oben. Hans-Dietrich Genscher empfängt ihn mit festem, freundlichen Händedruck. Anerkennung vom liberalen Übervater. Es ist der Tag von Philipp Rösler. "Die ganze liberale Familie wird dich, Philipp, unterstützen. Darauf kannst Du fest zählen", ruft FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle.

Wachwechsel bei den Liberalen - jetzt kommt Dr. Rösler. Der gelernte Mediziner ist der 13. Vorsitzende in der Geschichte der Partei, gewählt ausgerechnet an einem Freitag, den 13. Mit ihm wollen die Liberalen wieder aus der Existenzkrise kommen, nach den Wahlniederlagen und Querelen der letzten Zeit, nach Machtkämpfen und Intrigen. Rösler am Ziel: FDP-Chef, Vizekanzler, Bundeswirtschaftsminister. Hier in Rostock gibt er den sanften Macher und Erneuerer, der integriert und versucht, die Partei zusammenzuhalten und ihre Seele zu streicheln. Eine Umarmung hier, ein Küsschen dort. Mit dabei an seinem großen Tag auch die zweijährigen Zwillingstöchter Grietje und Gesche. Rösler, der Familienmensch.

"Herzlich willkommen bei der FDP - also im Keller"

Die Reihen wieder schließen - Röslers Motto hier beim Parteitag. Stand er zunächst noch als Zauderer da, so hat er sich in den letzten Tagen mit seinem Personaltableau Schritt für Schritt durchgesetzt. "Mit sanfter Gewalt", erinnert sich ein Vertrauter an den dramatischen Machtkampf hinter den Kulissen. Einer der Beteiligten: "Es war die Zeit der langen Messer." Am Ende steht Rösler gestärkt da. "Niemand sollte ihn unterschätzen. Der kann führen", sagt ein Delegierter. Gestern dann das große Stühlerücken in der Parteispitze: Die abgelöste Fraktionschefin Birgit Homburger sollte zu Röslers erster Stellvertreterin gewählt werden, gefolgt von Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und Holger Zastrow aus Sachsen. Das Amt sieht Rösler weiter als Mission auf Zeit: Mit 45, also in sieben Jahren, soll Schluss sein mit der Politik. Röslers Motto: "Man sollte den Tiger reiten, sich aber nicht von ihm auffressen lassen."

"Herzlich willkommen bei der FDP - also im Keller", hatte Röslers Generalsekretär Lindner die Journalisten beim Parteitagsempfang im Rostocker Rathauskeller lakonisch begrüßt. Die Deutschen jedenfalls zweifeln nicht nur an den Liberalen, sondern auch an Röslers Fähigkeiten. Laut neuer ARD-Umfrage sehen nur 30 Prozent die Partei mit ihm auf dem richtigen Weg. Anders die Delegierten in Rostock: Für sie ist der Niedersachse der große Hoffnungsträger. Von Anfang an hat er klar gemacht, dass er führen will. Das Signal: Auch Westerwelle muss sich jetzt einreihen, auf sein Kommando hören. Schon versichert dieser, seinem Nachfolger nicht ins Lenkrad zu greifen. Rösler würdigt Westerwelles Verdienste, überreicht ihm eine Bronzestatue. Der Beschenkte bekommt feuchte Augen vor Rührung. Auch Hermann Otto Solms, der scheidende Schatzmeister, lässt seinen Gefühlen freien Lauf.

Wer ist dieser Philipp Rösler? Der Katholik steht für einen neuen Kurs und will die FDP breiter aufstellen. Der 38-jährige spricht über Kindergartenplätze, über die Sozialpolitik oder den Pflege-Mindestlohn. Steuerentlastungen - bei ihm ist das nur ein Thema von vielen. "Mitfühlender Liberalismus" ist Röslers Antwort auf Westerwelles Mehr-netto-Politik. Heute will Rösler sein Konzept zur Rettung der FDP auch erläutern. "Die FDP ist auf dem Weg der Besserung", gibt sich Dr. Rösler zuversichtlich.

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