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Viele Bräuche waren in Südmecklenburg vor dem ersten Weltkrieg verbreitet : Pfingsten - Das schönste Fest im Jahr

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In der Zeit vor dem ersten Weltkrieg wurde in den südmecklenburgischen Dörfern zu Pfingsten ein umfangreiches Brauchtum (Ausmaien, Schnüren, Pfingstlaube) ausgeübt. Heute sind diese Bräuche unbekannt.

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erstellt am 10.Jun.2011 | 04:17 Uhr

Lübz | In der Zeit vor dem ersten Weltkrieg wurde in den südmecklenburgischen Dörfern zu Pfingsten ein umfangreiches Brauchtum (Ausmaien, Schnüren, Pfingstlaube) ausgeübt. Heute sind diese Bräuche unbekannt. Auf dem Lande galt Pfingsten als das schönste Fest des Jahres. Die Mägde, die am Pfingstmorgen früh zum Melken aufstanden, bekamen als Aufmerksamkeit an ihr Fensterkreuz eine Pfingstbusch gesetzt. Die faulen Mädchen fanden dagegen einen Besen vor, den die männliche Dorfjugend an ihr Fenster gesteckt hatte. Somit ermöglichte dieser Pfingstbrauch, Rügen anonym öffentlich zu machen. Vielerorts rahmte der junge Mann heimlich das Fenster des Schlafzimmers seiner Auserwählten mit Birken ein, der Gehassten wurde ein Faulbaum vor die Tür gestellt.

Der weit verbreitete Brauch des Ausmaiens ist heute erloschen. Beim "Utmaien" stellte man Birkenzweige zu beiden Seiten von Hoftor, Haus- und Stalltür sowie Fenster. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war es auch üblich, je einen Birkenzweig links und rechts am Fenster anzunageln. Mit dem Utmaien verknüpft war ein Heischebrauch. Das frische Grün wurde von Haus zu Haus verteilt. Dabei wurde im Chor folgender Spruch gesagt: "Der Maibusch ist genagelt, nun will er auch begossen sein. Es können ein paar Eier sein oder eine Flasche Wein."

Der Sammler von Gebräuchen, Sprachforscher und Begründer der vergleichenden Mythologie (Märchen und Sagen), Adalbert Kuhn (1812 - 1881), überliefert im Jahre 1843 folgenden Pfingstbrauch aus Südmecklenburg, der heute völlig vergessen ist: "Sehr weit erstreckt sich die Sitte, an einem der Pfingsttage morgens die Kühe so früh als möglich auszutreiben. Jede Magd bemüht sich, die erste zu sein, keine will die letzte sein. Wenn dann Abends die Kühe heimkehren, bindet der Hirt der erstausgetriebenen gewöhnlich einen Maibusch an den Schweif, der letztausgetriebenen wird ein Kranz an die Hörner gehängt, und sie heißt gewöhnlich die bunte Kuh."

Aus Brüz wird 1880 überliefert : "Am zweiten Pfingsttage nach Mittag zogen die Pferdejungen früher hinaus aufs Feld und gruben dort eine Tanne ein, warfen von Erde einen Tisch auf und ein paar Bauernmädchen backten Pfannkuchen und kochten Biersuppe, wozu die Bauersfrauen die Ingredienzien hergaben. Dann zog Alles, Jung und Alt, hinaus und verzehrte das Mahl gemeinschaftlich. Unter Scherz und Sang und Tanz mußte einer der Pferdejungen auf die Tanne klettern, wofür er ein zusammengebrachtes Trinkgeld erhielt. Diese Festlichkeit hieß Pfingstbier. Seit Brüz kein Bauerndorf mehr ist, kommt auch dies Pfingstbier nicht mehr vor." Aus Barkow wird 1880 berichtet: "Am Sonnabend vor Pfingsten aber versammelten sich die Pferdehirten wieder, es wurden einige aus ihrer Mitte ausgewählt, gewöhnlich die ältesten, die mit zwei Pferden zum nächsten Walde fahren mußten, um grüne Zweige und Gesträuche zu holen. Waren diese auf der Pfingsthege angelangt, wurde ein passender Ort auf derselben ausgesucht, eine Hütte von dem Busche gemacht und innerhalb derselben Tische und Bänke aus Brettern. Nach Vollendung der Hütte war auch gewöhnlich der Abend herangekommen. Es versammelten sich nun die Pferdehirten bei der Hütte und mit Peitschen in der Hand gingen sie dem Dorfe zu.

Sobald sie das Dorf erreicht, begannen sie mit Peitschenknallen das Pfingstfest anzukündigen. Am Pfingstmorgen noch vor Sonnenaufgang wandelten die Pferdehirten der Koppel zu, um ihre Pferde nach der Pfingsthege zu bringen. Es wurde nun ein Pferd gegriffen, der Hirte, dem es gehörte, schwang sich auf dasselbe und voranreitend folgten ihm die übrigen Hirten mit ihren Pferden unter heftigem Peitschengeknall. So ging es der Pfingsthege zu. Dort angekommen wurde Bier und Branntwein aus der Hütte hervorgeholt und ein lustiges Zechen begann." Danach folgte eine Heischebrauch, das Schnüren: "Jeder, der sich der Pfingsthege näherte oder auch in der Nähe einen Fußsteig, Weg oder eine Straße passierte, wurde von den Pferdehirten aufgehalten und von ihnen geschnert mit zusammengebundenen Pferddeleinen.

Verabreichte der Geschnerte eine Gabe, so erwiderte einer der Pferdehirten es mit einem Glase voll Branntwein, sie verabschiedeten sich freundlich und wanderten ihrer Hütte wieder zu. Erhielten sie aber keine Gabe, so wurde der Geschnerte unter Hohngelächter entlassen. Am Tage nach Pfingsten wurde die Hütte wieder abgebrochen und meistbietend verkauft." Mit der Veränderung der wirtschaftlichen Verhältnisse im Dorf sind diese Bräuche aufgegeben worden und aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Pfingsten war eine Zeit, in der es nicht allzuviel auf dem Hof zu tun gab, deshalb waren die Festtage die Zeit der gegenseitigen Besuche. So wird um 1930 aus Karow überliefert: "Kinder und junge Mädchen freuten sich, wenn am Pfingstsonntag und -montag die Sonne schien. Warum? Sie wollten doch in ihrem neuen Sommerkleid und den leichteren Schuhen beim Spaziergang auf der Dorfstraße bewundert werden.

Natürlich hielt es auch die älteren Bürger Pfingsten nicht im Haus. Häufig ging es mit dem Kutschwagen durch die Feldmark, um eine Feldbesichtigung vorzunehmen oder um liebe Verwandte und Bekannte im nächsten oder übernächsten Dorf zu besuchen. Am Ziel angekommen, ließ man sich zum Kaffee den im großen Ofen gebackenen Kuchen (Napf-/Topfkuchen und Butterkuchen) der Hausfrau gut schmecken.

Am zweiten Festtag vereinte meist ein Fußballspiel die Jugendlichen des Dorfes mit denen der Nachbardörfer." In mit Birkengrün geschmückten Pferdewagen fuhr man entweder zu Verwandten und Bekannten in entfernt liegende Dörfer oder machte Ausfahrten in die nähere Umgebung. Man fuhr im Sonntagsstaat durch die Feldmark, um zu begutachten, wie die Saaten standen. Auch ein Besuch beim "Königsschuss" in der nächsten Stadt durfte zu Pfingsten nicht fehlen.

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