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Wittenberge Was drauf ist, bleibt drauf

Von Hanno Taufenbach | 04.11.2012, 06:14 Uhr

Die auf Gürtelbreite hoch geschobene Short gibt Steffis Oberschenkel frei.

Striche und Symbole lassen das Motiv ihres künftigen Tattoos erahnen. Entspannt liegt die junge Frau auf der Liege, den Kopf auf einem Kissen gebettet. Ihr Tätowierer Ronny hat gerade erst mit seiner Arbeit begonnen.

Sie kommt aus Rostock, ist extra für die erste Ostdeutsche Tattoomesse nach Wittenberge in die OSZ-Sporthalle gekommen. "Mein Studio rief mich an, erzählte mir von der Messe und da ich gerne ein zweites Tattoo wollte, bin ich hierher gefahren", sagt Steffi. Das Motiv war schon eine Weile in ihrem Kopf. "Wenn man es wirklich will, sollte man es machen", meint sie. Ihr Freund habe zugestimmt, aber auch bei einem Nein, hätte sie sich nicht davon abbringen lassen. "Wer sich bequatschen lässt, sollte es lieber sein lassen, denn vielleicht will er es gar nicht wirklich."

Eine guter Rat, denn Tattoos lassen sich nicht schnell wechseln wie ein Ohrring. "Das ist drauf, das bleibt drauf", sagt Nico. Er liegt mit freiem Oberkörper auf der Pritsche. Eine Fantasiefigur mit Hörnern blickt von seiner rechten Brust frech zu den Besuchern empor. Bis zum Abend wird sie Gesellschaft auf der linken Brust bekommen. "Andere schreiben Tagebuch oder kaufen sich eine Kette. Tattoos sind halt meine Ohrringe", erklärt Nico. Seit zwölf Jahren geht er für jedes weitere Tattoo zu seinem Namensvetter Nico, der in der Altmark ein Studio betreibt. "Einen anderen lasse ich nicht mehr ’ran", sagt er.

Sein Studio betreibt Nico seit 14 Jahren. "Man kann davon leben, auch seine Familie ernähren", lässt er keine Zweifel an der Wirtschaftlichkeit eines solchen Unternehmens aufkommen. Die Einladung zur Messe habe er gern angenommen. "Wenn sich die anderen Studios aus der Region vorstellen, möchte ich nicht fehlen."

Ina Bond kam deshalb sogar aus Berlin in die Prignitz. Als sie vor zehn Jahren ihr Studio eröffnete, galt sie als Frau fast noch als Exotin unter Tätowierern. "Langsam wird’s normal, dass auch Frauen tätowieren", sagt sie. Eigentlich wollte Ina ihr Geld als Ergotherapeutin verdienen. "Es sollte ein Beruf sein, in dem ich zeichnen kann." Das konnte sie als Ergotherapeutin und der Beruf sei auch kreativ. Aber zu tätowieren, sei noch viel spannender.

In Berlin sei die Szene überlaufen, gebe es viel zu viele Studios. Deshalb habe sie auch noch nie an einer Messe teilgenommen. Wittenberge stelle einen Kontrast dar. Sie habe ihr Kommen nicht bereut.

Dass eigene Tattoos die beste Reklame für die eigene Arbeit seien, müsse nicht stimmen. Aber Ina selbst mag Tattoos. Sichtbar zieren sie ihre Arme und ihr Dekolleté. "Wenn ich mich für ein Motiv entschieden habe, suche ich mir einen Tätowierer und schaue vorher, wie von ihm gemachte Tattoos aussehen", verrät sie.

Bei dem Perleberger Martin Haack ist das anders: "Ich vertraue Ulf Brunnemann, lasse ihm freie Hand." So habe Ulf aus Wittenberge schon seinen ersten Arm gestaltet und auf der Messe den zweiten. Für Martins Frau Cindy ist das okay. "Ich gehe ja auch zu Ulf und kenne ihn und seine Arbeit." Ihre zweijährige Tochter Gretchen bekomme auch Tattoos - aber abwaschbare.

Nach vier Stunden mag Steffi nicht mehr liegen und auch das Kissen ist nicht mehr richtig bequem. Aber sie hat es auch fast geschafft. Wo am Vormittag nur Striche zu sehen waren, zieren jetzt ein Frauengesicht mit langen Haaren und Blumen ihren Oberschenkel. Ob Steffi eines Tages noch mehr Tattoos haben möchte, bleibt heute offen. Für den Tätowierer Mike vom Studio Panke-Ink aus Zepernick stellt sich diese Frage nicht: Tattoos sind eine Sucht", sagt er.