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Wittenberge Unaufrichtige Anteilnahme

Von Lars Reinhold | 30.06.2011, 06:06 Uhr

"Sehr geehrte Frau R., obwohl wir uns nicht kennen, möchte ich doch die Stunden Ihrer Trauer zum Anlaß nehmen, Ihnen Gedanken des Trostes und der christlichen Ermunterung zu senden." So beginnt der Brief, den Gisela R.

kurz nach dem Tod ihres Mannes von einem unbekannten Absender erhält. Den dreieinhalb handschriftlichen Seiten mit vielen Bibelzitaten liegen zudem zwei Flyer der Wachtturm-Gesellschaft bei.

"Die Todesanzeige war an einem Samstag in der Zeitung, wenige Tage später lag der Brief bei meiner Mutter in der Post", sagt Birka M., Tochter des Verstorbenen. "Meine Mutter war fassungslos, als sie den Brief las, denn wir hatten von Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten sehr viel Post bekommen, in der die Absender an gemeinsame Erlebnisse und persönliche Geschichten mit meinem Vater erinnerten. Diese Post hat wirklich Trost gespendet, aber der eine Brief hat für wahnsinnigen Ärger gesorgt."

Doch nicht allein die Tatsache, dass jemand die Traueranzeigen durchforstet, im Telefonbuch Adressen heraussucht und schließlich versucht, mit diesen Briefen Trauernde zu bekehren, regt Birka M. auf. "Mit fiel sofort ins Auge, dass der Brief vorgefertigt gewesen sein muss. Der Name war nachträglich mit einem anderen Stift eingesetzt worden, auch das Datum hat der Absender ergänzt. Zuerst stand da das Jahr 2010, das wurde kurzerhand überschrieben. Angesichts dieser Tatsache ist der letzte Satz ,Mit herzlichen Grüßen der Anteilnahme in aller Aufrichtigkeit eine bodenlose Frechheit."

Ihr erster Gedanke sei die Kontaktaufnahme mit dem Absender gewesen. "Aber eigentlich will ich mich mit diesen Menschen nicht herumärgern. Man kennt das ja von ihren ,Hausbesuchen. Eine Diskussion ist sinnlos, die sind aalglatt." In der Hoffnung darauf, die Absender mit dem Zeitungsartikel von weiteren derartigen Briefen abzuhalten, habe sie sich schließlich an den "Prignitzer" gewandt.

Pfarrer Thomas Gandow, Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, kennt diese Methode. "Das ist eher die Regel als die Ausnahme. Mitglieder der Zeugen Jehovas müssen wöchentlich zehn bis 20 Stunden Dienst leisten, viele tun das in Form des bekannten Klinkenputzens. Gerade Ältere, die nicht mehr gut zu Fuß sind, nutzen andere Möglichkeiten wie das Schreiben von Trauerbriefen, die auf das Stundenkonto angerechnet werden können." Es sei üblich, diese Briefe "auf Halde" vorzuschreiben, Tageszeitungen nach Todesanzeigen zu durchsuchen und über das Telefonbuch Adressen zu den Namen zu finden. "Dann wird nur noch der Name eingesetzt und abgeschickt", so Gandow.

Rechtlich sei gegen diese unfeine Art der Missionierung, die bei Betroffenen regelmäßig Ärger verursacht, nichts zu machen. "Mit der Anzeige ist der Todesfall öffentlich, und damit kann jeder den Angehörigen sein Beileid kundtun, auch wenn er Mitglied der Zeugen Jehovas ist. Anders sehe das aus, wenn die Organisation in einem förmlichen Schreiben Kontakt aufnehmen würde", sagt der Experte.

Angehörigen, die nach einem Todesfall solche Post bekommen, rät Gandow, nicht darauf zu reagieren. "Eine Konfrontation bringt meist nichts, da viele Zeugen in derartigen Diskussionen geschult sind und auf jedes ablehnende Wort passende Antworten haben, um im Gespräch zu bleiben." Allerdings dürfe man die Wirkung vor allem bei alleinstehenden Trauernden, die plötzlich einen handschriftlichen Brief bekommen, nicht unterschätzen. "Da können solche Worte schon berühren", so Gandow.

Die Absenderin des Briefes an die Familie von Birka M. behauptet auf "Prignitzer"-Nachfrage, sie habe nur Trost spenden wollen. "Wir haben es nur gut gemeint, sollte das falsch angekommen sein, bitten wir um Entschuldigung." Werbung für eine Religionsgemeinschaft wolle sie nicht machen, die Flyer sollten nur zeigen, dass die Bibel Hilfe bietet. Warum der Brief vorgeschrieben war und der Name eingesetzt wurde, darauf gab es keine Antwort.

TEASER-FOTO: Redaktion