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Perleberger will denkmalgerecht sanieren Renaissance einer Fabrikantenvilla

Von Doris Ritzka | 18.12.2016, 05:00 Uhr

200 000 Euro aus Denkmalschutz-Sonderprogramm des Bundes machen es möglich. Enkel des einstigen Inhabers erinnert sich

200 000 Euro an Fördermitteln aus dem Denkmalschutz-Sonderprogramm des Bundes fließen auch nach Perleberg. Die Neorenaissance-Villa in der Wilsnacker Straße 31 wird davon profitieren. Freude beim neuen Eigentümer und jungen Bauherren. Der Perleberger will mit seiner Familie sein neues Zuhause hier denkmalgerecht sanieren.

Auf der Suche nach einem Objekt, erfuhr er, dass die Villa zum Kauf stehe. Ein überaus attraktives Gebäude sei es, das er von Kinderbein kenne, doch damals aus einem anderen Blickwinkel, erzählt er. „Ohne diese Förderung wäre eine denkmalgerechte und wirtschaftliche Sanierung jedoch fraglich gewesen“, räumt er offen ein. Genau aber das wolle er. Die alte Fabrikantenvilla soll ihren einstigen morbiden Charme zurück erhalten.

Die restliche Gebäudefläche der Villa will er vermieten – Wohnraum aber auch gewerbliche Räume, sprich Büros und dergleichen, schweben ihm da vor. Für den hinteren Bereich des Anwesens gebe es noch kein endgültiges Nutzungskonzept. Hier gehe es erst einmal darum, die Bausubstanz zu sichern.

Jetzt warte er auf den schriftlichen Bescheid über die Fördermittel und dann soll es auch schon losgehen. Ein architektonisches Kleinod kehrt damit zurück ins Leben. „Ich bin wirklich stolz, dass dem Haus noch was Gutes passiert“, freut sich Christian Meyer. Ihm gehörte zuvor nicht nur das Anwesen, er ist auch der Enkel des Fabrikanten Adolf Hemmerling. Wenn einer die bewegte Geschichte der Villa und Fabrik kennt, dann er. Und er erzählt:

Aus dem Rheinland sei sein Großvater mit seinen drei Geschwistern nach Perleberg gekommen. Gemeinsam mit einem Kompagnon namens Müller habe er 1890 in der Wilsnacker Straße eine Lederfabrik eröffnet. Als er um 1896 heiratete, musste ein standesgemäßes Zuhause entstehen. Das war die Villa, errichtet vom Perleberger Baumeister Anton Kunst. Übrigens, die Frau von Adolf Hemmerling, Else Lüdeke, war die Tochter des königlichen Hoflieferanten Paul Lüdeke. Dessen Spezialitäten waren Baumkuchen und Marzipan und sein Café am Markt (heute der Grieche) galt in jenen Tagen als das beste in Perleberg.

Derweil wurde in der Lederfabrik fleißig produziert. In einem Lexikon von 1909 war die Rede, dass die Perleberger Lederfabrik eine der größten in der Provinz Brandenburg sei. 50 Leute standen hier in Lohn und Brot, gerbten und färbten Roßleder und später dann auch Rindsleder. Sie belieferten den Reichstag, das Kölner Theater, Zugabteile wurden mit dem Leder gepolstert, Autositze überzogen. Die Krönung: Das Mobiliar im kaiserlichen Jagdschloss von Rominten wurde mit Leder aus Perleberg ausgestattet. Aber auch so profane Dinge wie Aktentaschen, Gürtel, Pferdesattel wurden daraus gefertigt. Die Perleberger Lederfabrik exportierte fast europaweit.
Mit der Geburt des Kunststoffs folgte der Niedergang der Lederfabrik. Ende der 20er Jahre waren hier nur noch rund 20 Leute beschäftigt. Schließlich musste die Fabrik gänzlich schließen. Etliche Produktionsgebäude wurden abgerissen, so auch das Maschinenhaus. Die Dampfmaschine kam ins Sägewerk Rebhahn (wo heute Lidl ist) und später dann ins Rittersche Sägewerk. Hier steht sie heute noch auf dem Altenteil als letzte ihrer Art in der Prignitz.

Aus den Abrisssteinen der Fabrikgebäude wurde das Nebengebäude mit dem Durchlass an der Villa errichtet. Einzig der Speicher blieb erhalten. Den Nazis diente er als Lagerraum. In den 50er Jahren zog dort die Werbeabteilung des Konsums ein.
Als 1953 Großvater Adolf Hemmerling starb, musste die Villa vermietet werden. „Fünf Parteien wohnten darin, Großmutter hatte nur noch ein Zimmer“, erinnert sich Christian Meyer.

Vieles sei in den folgenden Jahren kaputt oder verloren gegangen bzw. verschwand einfach oder wurde absichtlich vernichtet, weil es nicht in die damalige Zeit passte. 1993 gelang es Christian Meyer, dass das Anwesen seines Großvaters Denkmalschutzstatus erhielt.

Er selbst vermochte nicht mehr dieses städtebaulich wichtige und baugeschichtlich interessante Denkmal zu sanieren. Das Grundstück mit der Bebauung liegt außerhalb des festgelegten Sanierungsgebietes. Damit gab es keine Städtebauförderung. Auf der anderen Seite greifen hier auch keine Förderinstrumente der ländlichen Entwicklung. Durch das Sonderprogramm des Bundes zum Denkmalschutz hat sich nun eine Tür geöffnet.

„Und ich bin froh, mit dem jungen Perleberger auch jemanden gefunden zu haben, der das architektonische Kleinod zu schätzen weiß“, betont Christian Meyer. Das schmiedeeiserne Tor, das zwar komplett aufgearbeitet werden muss, ist noch vorhanden und soll wieder eingebaut werden. Die zur Südseite abgängige Treppe ist gleichso etwas ganz Besonderes, ganz zu schweigen von den Fassadenstrukturen und Dachaufbauten. „Ich freue mich, dass die Geschichte der Wilsnacker 31 nun doch noch ein gutes Ende findet“, so Christian Meyer.