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Wittenberge Rasantes Surfen mit 88 Jahren

Von Susann Matschewski | 16.09.2011, 08:06 Uhr

Ein Leben ohne Internet? Für die meisten Deutschen mittlerweile unvorstellbar.

Doch Senioren sind eher die Ausnahme im weltweiten Netz. Viele von ihnen meiden Computer. Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel von Paul Wohlgemuth. Der Wittenberger kaufte sich erst mit 81 Jahren einen Rechner und liegt heute mit seinen 88 Jahren weit außerhalb der von solchen Statistiken erfassten Altersgruppen. Der "Prignitzer" hat ihn besucht.

Der ehemalige Geschäftsführer der früheren Arbeiterwohnungsgenossenschaft (AWG) beweist, dass auch ein hohes Alter kein Grund sein muss, vor der modernen Technik zurück zu schrecken. In seiner Wohnung hat er sich ein eigenes kleines Computerzimmer eingerichtet. Darin steht ein großer PC mit Flachbildschirm, daneben findet sich ein Drucker, drum herum liegen externe Festplatten, USB-Sticks, CD-Roms sowie haufenweise Fotos und Zeitungsseiten, die noch auf ihre Bearbeitung warten.

"Den Rest habe ich mir selbst beigebracht."

"Für Technik habe ich mich schon immer interessiert, aber meine Frau war dagegen, dass ich mir einen PC anschaffe", erzählt Wohlgemuth. Erst nach deren Tod vor sieben Jahren habe er mit 81 Jahren die Welt des Computers für sich entdecken können. Sein Enkel kaufte ihm einen Rechner und brachte ihm die wichtigsten Grundlagen bei. "An der Volkshochschule habe ich einen Computerkurs für Anfänger belegt. Und den Rest habe ich mir selbst beigebracht."

Besonders gut ist der 88-Jährige im Umgang mit Bildbearbeitungsprogrammen. Für die anstehende diamantene Hochzeit eines befreundeten Paares etwa gestaltet er eine Glückwunschkarte. Dafür schneidet er das Paar aus einem Foto aus und setzt es vor einem anderen Hintergrund wieder zusammen.

Auch seiner Sammelleidenschaft für Zeitungsartikel kann Wohlgemuth dank digitaler Technik besser frönen, als das noch im analogen Zeitalter möglich war. Täglich fotografiert er alle für ihn interessanten Artikel aus aktuellen Zeitungsausgaben ab, lädt sie auf den PC, schneidet sie dort zurecht und speichert sie. "Mir macht das Spaß und es geht am Computer viel schneller und einfacher, als wenn ich das alles in Ordnern abheften würde." Mittlerweile besitzt er eine riesige digitale Datenbank, verteilt auf vier externe Festplatten. Vielen seiner Bekannten, die einen bestimmten Zeitungsartikel suchten, habe er damit schon helfen können: Ein Klick und er hat den gesuchten Text auf dem Bildschirm.

Doch nicht nur für derlei Spielereien nutzt der Wittenberger die moderne Technik. Auf seinem PC hat er zwei Bücher verfasst: Ein bisher unveröffentlichtes Tagebuch über seine Zeit in sowjetischer Kriegsgefangenschaft sowie das 2009 erschienene Buch "30 Jahre Plattenbau Wittenberge", das zusammen mit dem ehemaligen WGW-Chef Dieter Thara entstand. Bei der Umsetzung des letzten Werks half der jetzige Geschäftsführer der WGW, Torsten Diehn. Doch der hatte wenig Zeit und brauchte für Wohlgemuths Geschmack zu lange, um den Word-Text ins pdf-Format umzuwandeln. "Das kann ich doch auch", dachte sich der ungeduldige Senior und löste das Problem kurzerhand einfach selbst: "Ich habe mich eingelesen, das entsprechende Programm heruntergeladen und schon hat’s funktioniert", berichtet er stolz.

Online-Shopping: schnell und günstig

Das Internet nutzt er vorwiegend, um mit Freunden aus aller Welt per E-Mail Kontakt zu halten. So schreibt er sich regelmäßig mit einem jungen Amerikaner aus Alaska oder tauscht mit seinem langjährigen Freund und ehemaligen Pritzwalker Bahnhofsvorsteher Dr. Eberhard Brückner aus Dresden Familienfotos aus. Auch beim Einkaufen setzt der internet-affine Rentner auf das weltweite Netz: Bücher, Kleidung und selbst bestimmte Lebensmittel bestellt er lieber online: "Das geht schnell und ich weiß, auf welchen Webseiten günstige Sachen angeboten werden."

Bei einem so routinierten und furchtlosen Umgang mit dem Internet würde es nicht verwundern, wenn Paul Wohlgemuth auch bei sozialen Netzwerken wie Facebook vertreten wäre. Doch hier muss er passen: "Da mach’ ich nicht mit. Ich möchte nicht durch einen Tippfehler plötzlich 1000 Leute auf meiner Party haben."