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Perleberg Ordner mit 860 000 Wetterdaten

Von Doris Ritzka | 06.11.2012, 09:31 Uhr

Seit 19 Jahren schaut Hobbymeteorologe Günter Redlin täglich gen Perleberger Himmel und notiert akribisch alle Daten, die seine vielen Messinstrumente anzeigen.

Seine monatlichen Berichte stellt er dem "Prignitzer" zur Verfügung, der Jahresbericht geht an die Stadt und ans Ministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz, denn im dortigen Referat nachhaltige Entwicklung, umweltbezogene Fragen der Wirtschaft und des Verkehrs, Luftreinhaltung, Lärmminderung interessiert man sich durchaus für diese über 100 Seiten füllenden Aufzeichnungen.

Nun erhielt der Perleberger Wetterfrosch abermals Besuch aus Potsdam. Der Referent des genannten Referats, Lutz Schaefer, ausgebildeter Meteorologe, der sich auch schon eingehend mit der Klimatologie beschäftigte, hatte sich angesagt. "Seit Jahren, ja schon Jahrzehnten sendet uns Günter Redlin exakte Arbeiten über das Perleberger Wetter zu und dafür will ich einfach mal Danke sagen und Anerkennung zollen. Und dann möchte ich natürlich auch mal einen Blick in seine Aufzeichnungen werfen, sehen, wie er die Daten sammelt."

Und diese Daten sind durchaus vergleichsweise einzigartig, denn in dieser Lückenlosigkeit habe man sie nicht ein zweites Mal. Der Potsdamer verbindet damit zugleich den Wunsch und die Hoffnung, dass Günter Redlin noch sehr lange Buch über das Geschehen an der Wetterfront der Rolandstadt führt. Denn gerade über die regionalen Auswirkungen des Klimawandels wisse man noch relativ wenig. "Bei 30 Jahren und länger ließe sich eine Spezifik für die Region sehr gut ableiten, sind diese Detailbetrachtungen wichtig für den Deutschen Wetterdienst", erläutert Lutz Schaefer. Darauf zu reagieren sei nicht nur wichtig für die Politik, sondern für alle Lebensbereiche, vor allem auch für die Wirtschaft. Selbst Fragen der Stadtentwicklungen lassen sich daraus ableiten. Nicht von ungefähr gibt das Ministerium so auch die Jahresberichte von Günter Redlin an das Potsdamer Institut für Klimaforschung weiter. Denn gerade der regionale Bezug sei hier überaus gefragt. Einziges Manko, die Daten sind nicht digital erfasst. So sei es schwierig auf Basis wissenschaftlicher Arbeit eine Vergleichsrechnung auch zu führen.

860 000 Daten hat der Perleberger Hobbymeteorologe seit 1993 gesammelt, aufgelistet und teilweise in Diagrammen dargestellt. Mit der täglichen Messung der Temperatur begann alles, 1998 kamen die Niederschläge hinzu, 2001 Luftdruck und -feuchte, 2003 dann die Wolkengattungen. 16 Stationen, im und ums Haus verteilt, liest er heute täglich bei Wind und Wetter ab. Und zum Warten der Instrumente geht es auch schon mal fünf Meter hoch hinauf.

Ein vor allem zeitaufwändiges Hobby, das einen 365 Tage im Jahr fordert. Mittlerweile ist der heute 87-Jährige ein gefragter Mann, wenn es ums Wetter geht. Bei Sturmschäden klingelt das Telefon ständig, selbst die Perleberger Schützen haben nachgefragt, wann wettertechnisch der günstige Termin für ihr Schützenfest sei.

In der kleinräumigen Betrachtung, die faktisch die urbane Struktur hier vermesse, liege auch die Bedeutung dieser Erhebungen. So etwas finde man in Deutschland nur selten, vor allem Messungen, die immer von ein- und er selben Person durchgeführt werden, die unter gleichen Bedingungen und zur gleichen Zeit diese Untersuchungen vornimmt. "Hier werden mikroklimatische Besonderheiten erfasst", so Schaefer.

Kann man daraus auch Aussagen hinsichtlich einer Klimaveränderung ableiten? "Die wesentlichen Trends, die Günter Redlin herausgearbeitet hat, stimmen auch mit den anderer Wetterdienste überein. Doch diese Daten sind ganz spezifisch für die hier herrschenden Bedingungen", so der Klimatologe. Und er ermunterte den Perleberger Hobbymeteorologen weiterzumachen, auch wenn er von niemanden dazu beauftragt worden sei.