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Wriezen Mit der Draisine über die Oder

Von Jeanette Bederke | 28.10.2011, 06:43 Uhr

Die Brücke mit den rostigen Eisenbahnschienen über die Oder ins Nirgendwo macht einen verlassenen Eindruck.

Der Zutritt ist mit Gittern und einem Schild"Betreten verboten" versperrt. "Wer versuchen würde, da rüber zu laufen, würde zwischen den Bahn-Schwellen geradewegs in den Fluss stürzen", sagt Karsten Birkholz. Der Amtsdirektor von Barnim-Oderbruch bemüht sich gemeinsam mit dem deutsch-polnischen Verein "Bez Granic", den polnischen Partnergemeinden Moryn und Cedynia sowie einem privaten Investor seit Jahren darum, diesen Grenzübertritt zu aktivieren.

Am Oder-Neiße-Radweg gelegen, soll die Brücke vor allem für Radtouristen und Wanderer nutzbar werden. Da Bahnschienen bereits vorhanden sind, könnten Ausflügler per Draisine oder Schienenbus über die Oder gebracht werden. "Nicht etwa ins Nirgendwo geht es auf den Schienen, sondern bis ins 15 Kilometer entfernte Moryn (Mohrin), das mit seinem herrlich in einem Mühlental gelegenen, klaren See schon in den 30er-Jahren bei Berlinern als Ausflugsziel beliebt war", erzählt Birkholz. Wer weiter nach Szczecin (Stettin) im Norden oder Kostrzyn (Küstrin) im Süden will, lässt sich weiter bis Goszkow fahren. Dort besteht Anschluss an die zentrale Bahnstrecke. "Wir verbessern also nicht nur die touristischen Verbindungen in der Region sondern auch zwischen Berlin und Szczecin", erläutert der Amtsdirektor.

Das Projekt "Brücke Bienenwerder"gehört zu sechs deutsch-polnischen Vorhaben, die am 8. November vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung in Kooperation mit dem polnischen Infrastrukturministerium ausgezeichnet werden. Sehr zur Freude des Amtsdirektors, der in diesem Zusammenhang weniger das Preisgeld in Höhe von 5000 Euro für wichtig hält, als vielmehr die angekündigte "wissenschaftliche und organisatorische Begleitung" des Projekts. "Wir hoffen auf eine Wirkung als Türöffner", meint Birkholz.

Die Bemühungen um das Brückenprojekt sind beschwerlich, wie der studierte Jurist weiß. Ist die öffentliche Hand normalerweise froh,wenn sich ein privater Investor als Partner findet, tat sich die polnische Seite zunächst schwer mit Unternehmer Axel Pötzsch aus Spreenhagen. "Bei der polnischen Staatsbahn PKP ging jahrelang gar nichts, die wollten die 30 Kilometer lange Schienenstrecke nicht an Privatpersonen verkaufen", erzählt er.

Realisieren lasse sich das laut Machbarkeitsstudie rund vier Millionen Euro teure Projekt jedoch nur durch eine private Finanzierung in Kombination mit Interreg-Fördermitteln, macht Wolfgang Skor, Vereinschef von "BezGranic" deutlich. Pötsch hat mit der Reaktivierung stillgelegter Bahnlinien Erfahrung. Er betreibt in Brandenburg mehrere Draisinenstrecken, unter anderem zwischen Tiefensee und Sternebeck sowie in Mittenwalde und in Kremmen. Außerdem besitzt er sogenannte Schienenbusse, die ähnlich wie Triebwagen über Land zuckeln. "Pötsch hat das nötige Know how, die Erfahrungen und die Mitarbeiter", glaubt Amtsdirektor Karsten Birkholz,dessen Angaben nach die polnische Bahn inzwischen "verkaufsbereit" ist.

Nun sind jedoch neue Probleme aufgetaucht. Polnische Naturschützer sorgen sich um die Flora und Fauna östlich der Brücke Bienenwerder.

Die Brückenöffnung wäre gewissermaßen ein Novum. Erstmals 1890errichtet, wurde das mit knapp 700 Metern längste Viadukt an diesem Fluss bis zum Zweiten Weltkrieg genutzt. Im Krieg zerstört, wurde die Brücke Anfang der 1950er-Jahre zwar wieder aufgebaut. Zur Probe wurde ein mit Panzern beladener Zug von einem Ufer zum nächsten geschickt. Doch seitdem fuhr keine Bahn mehr darüber.

Birkholz bleibt optimistisch, auch diese Hürde überwinden zu können, möglicherweise mit Hilfe des "Türöffners" aus den Ministerien. "Oftmals sind das ja nur Missverständnisse. Wir müssen den polnischen Naturschützern klar machen, dass Touristen gerade deshalb dorthin kommen würden, weil sie die unberührte Natur schätzen", sagt er und verweist auf unterschiedliche Rechtssysteme und Kulturkreise. Bis es soweit ist, werden jedoch noch einige Jahre ins Land gehen. "Was die Fördermittel angeht, so werden wir erst in der Förderperiode 2014 bis 2019 zum Zuge kommen."