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Schiedsstelle wittenberge Mistgabel hat längst ausgedient

Von RANT | 19.12.2017, 12:00 Uhr

Schiedsamt wird in diesem Jahr 190 Jahre alt / Streitschlichterin Annemarie Krämer blickt auf Historie

Sie ist die letzte Instanz, bevor Streitparteien vor Gericht ziehen: die Schiedsstelle. Diese feiert in diesem Jahr ihr 190-jähriges Bestehen in Brandenburg. Aus diesem Anlass blickt Wittenberges ehrenamtliche Schiedsfrau, Annemarie Krämer, auf die Historie zurück. So wurde im Jahr 1827 die Preußische Schiedsmannsordnung eingeführt. „Mit Pferdepeitsche, Sichel, Dreschflegel und Mistgabel rückte man in dieser Zeit dem Gegner zu Leibe“, schreibt Annemarie Krämer.

Erst 100 Jahre nach der Gründung der Schiedsstellen war es auch Frauen erlaubt, Schlichtungsverhandlungen zu führen. Denn die Männer, so Annemarie Krämer, waren der Meinung, dass Frauen dieses Amt nicht ausüben könnten, weil sie bei Streitfällen verlegen reagieren und schamrot anlaufen. Das Deutsche Kaiserreich öffnete als eines der letzten europäischen Länder den Frauen die Universitäten und den Zugang zu öffentlichen Einrichtungen.

Im Lauf der Zeit wurde die Kompetenz der Schiedsleute ständig erweitert. Die vorgerichtliche Einigung beinhaltete früher den Hausfriedensbruch, üble Nachrede, leichte Körperverletzung, Bedrohung und Sachbeschädigung. „Heute behandeln wir größtenteils Nachbarschaftsstreits. In 90 Prozent der Fälle erzielen wir eine Einigung“, erzählt Annemarie Krämer. Sie ist seit 27 Jahren als Schiedsfrau tätig. Doch ihr ehrenamtliches Engagement dauert schon viel länger. Die gelernte Ingenieurökonomin arbeitete vor der Wende eine Zeit lang ehrenamtlich als Konfliktkommissionsvorsitzende beim hiesigen Bekleidungswerk. „Das war für mich eine Selbstverständlichkeit – das sollte Ehrenamt immer sein“, sagte Annemarie Krämer, als ihr vergangenes Jahr der Bürgerpreis des Landkreises und der Sparkasse Prignitz verliehen wurde. Und das sieht sie natürlich auch heute noch so. „Das Ehrenamt macht mich glücklich. Mir würde etwas fehlen, wenn ich anderen nicht mehr helfen könnte“, erzählt die 73-Jährige, die jetzt auch Vorsitzende des Awo-Ortsvereins Wittenberge ist. Sie wünsche sich, dass mehr Menschen sich für das Ehrenamt interessieren würden. Immerhin jeder dritte Prignitzer engagiert sich aktuell schon im Ehrenamt.

Aus ihrer Erfahrung weiß Annemarie Krämer zu berichten, dass die Zahl der Streitfälle in ihrer Zuständigkeit durchaus zunimmt. „Der Ton wird grundsätzlich schärfer. Das beobachten sowohl meine Kollegin als auch ich.“ Wer zu ihr in die Beratung im Haus der Awo in der Perleberger Straße 106 kommt, könne sicher sein, dass alles Gesagte auch dort bleibt. Dieses Vertrauensverhältnis ist essenziell für die Schiedsstelle. Annemarie Krämer ist in den Beratungen nicht nur mit ihrem rechtlichen Fachwissen gefragt, sondern muss auch auf ihre Menschenkenntnis hören. „Oft liegen die wahren Probleme tiefer. Der Ast überm Zaun ist da nur noch der Auslöser. Man muss aufpassen, was man wie sagt.“

Zuerst kommt nur eine der Streitparteien in die Beratung. Dann wird die andere Seite geladen. „Wer dem nicht folgt, muss die 40 Euro für die Schlichtungsverhandlung bezahlen“, erklärt Annemarie Krämer. Bei einem Vergleich werden 20 Euro fällig. Sollte es keine Einigung geben, wird dem Antragsteller für 15 Euro eine Erfolglosigkeitsbescheinigung ausgestellt, die bei Gericht vorgelegt werden muss. Der Antragsteller bezahlt dann die Schiedsverhandlung komplett.