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Perleberg Geschichte des Brüninghofes

Von Doris Ritzka | 05.08.2015, 22:00 Uhr

Kinder des einstigen Hofbesitzers aus Hohenvier übergeben Museum Konvolut an Dokumenten und Fotos als Dauerleihgabe

Heute leben Ingrid Beismann und ihr Bruder Christian Brüning am Niederrhein, doch die Prignitz, genauer gesagt Hohenvier, ist immer noch so etwas wie ein Zuhause für sie. In dem Rundlingsdorf auf dem 48 Hektar großen Hof ihres Vaters Wilhelm sind sie aufgewachsen, haben dort gelebt bis jener 1956 in einer abenteuerlichen Flucht versuchte, den neuen Machthabern zu entgehen, sich so der drohenden Verhaftung zu entziehen.

Bereits vor fünf Jahren schenkten die Geschwister dem Stadt- und Regionalmuseum bäuerliche Bekleidung aus den 1920er und 1930er Jahren. Jene kam aber ins Museum Havelberg – „vermutlich aus Platzgründen, denn das hiesige Museum war noch nicht um- und ausgebaut, das Magazin in dieser Form gab es nicht“, mutmaßt Frank Riedel, der die Einrichtung jetzt betreut und leitet. Kürzlich kamen die Sachen nun wieder zurück nach Perleberg. Anlass für das Geschwisterpaar, erneut dem Ort der Stadtgeschichte einen Besuch abzustatten. Und es kam nicht mit leeren Händen. Ein ganzes Konvolut an Dokumenten und Fotos brachten die beiden mit, darunter ein Bild vom Abschluss des 6. Wintersemesters der landwirtschaftlichen Winterschule in Perleberg 1911/12. Unter den Absolventen ihr Vater Wilhelm Brüning. Voller Erstaunen erfahren die Geschwister, dass besagte Schule einst ihr Domizil im heutigen Museum hatte. Hier soll nun auch die historische Fotografie wie auch Dokumente, die die Geschichte der Familie und des Hofes erzählen, ausgestellt, mit in die neu entstehende Exposition über „Bäuerliche Volkskunde/ Ländliches Leben“ integriert werden, so die Vorstellungen von Frank Riedel. Mit diesen Exponaten habe man explizit Landwirtschaftsgeschichte in der Prignitz von 1810, wo die landwirtschaftlichen Strukturen, wie sie sich heute noch geben, entstanden, bis zum sozialistischen Frühling 1960 mit der Schaffung von Großfelderwirtschaft.

Mit der Geschichte von und über Wilhelm Brüning, der von 1896 bis 1978 lebte und in Hohenvier bis zu seiner Flucht in den Westen einen großen Hof bewirtschaftete, wird diese Zeit lebendig, so der Museumsmitarbeiter. Eine Zeit voller Widersprüche und daraus ergebenen persönlichen Schicksalen. Denn auch Wilhelm Brüning wehrte sich, mit seinem Hof der LPG beizutreten. So wurde er bedrängt – erst sanft, später bekam er die ganze Macht des neues Systems zu spüren. In dem Buch von Pfarrer Hans Huschke „Von der Havel zur Stepenitz“ erzählt sein Sohn Christian über die abenteuerliche Flucht des Vaters durch ein Fenster zum Hof, während im Wohnzimmer die Geheimpolizei auf ihn wartete. Mit Hilfe befreundeter Bauern gelang ihm und Ostern dann auch dem Rest der Familie die Flucht in den Westen.

„Solche Geschichten sind es, die Historie lebendig werden lassen“, betont Frank Riedel und hofft darauf, dass sich noch mehr Zeitzeugen melden, die als Bauer durch die Bodenreform enteignet wurden oder als Flüchtling von dieser profitierten. „Ebenso haben wir großes Interesse an Zeitzeugen der LPG-Gründungen.“ Vorschweben Riedel Audiostationen, wo nachfolgende Generationen anhand von persönlichen Schicksalen diese Zeit erleben und Stimmen von Zeitzeugen hören.