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Stadtverordnete heben Fußgängerzone auf Frust in der Bahnstraße

Von Katarina Sass / Susann Matschewski | 28.09.2011, 10:20 Uhr

Vielleicht schon im Frühjahr können Autofahrer die Bahnstraße durchgängig befahren.

Das Votum der Stadtvertreter Dienstagabend war eindeutig (wir berichteten). Einig ist man sich auch, dass der Bereich als verkehrsberuhigte Zone eingerichtet werden soll.

Doch die gestrige Umfrage unserer Redaktion ergab ein sehr differenziertes Bild unter den Einzelhändlern: fünf von sieben lehnen die Öffnung ab, auch Passanten halten nichts davon. Dabei sei der einhellige Wunsch der Geschäftsleute die Grundlage für den Beschluss gewesen.

Indes sind die Planungen der Stadtverwaltung zur Ausgestaltung der Bahnstraße weit gediegen. Konkret sieht der Plan vor, sieben Parktaschen zu schaffen zwischen der Wilhelm- und der Auguststraße sowie weitere sieben zwischen Rathaus- und Auguststraße. Laut Entwurf könnte dann eine Parkdauer von einer Stunde werktags zwischen 8 und 18 Uhr eingerichtet werden. Weitere Veränderung: Wer keinen Parkplatz in der Bahnhofstraße findet - so die Planer - hat die Möglichkeit, in die Auguststraße abzubiegen und auf das Parkdeck zu fahren. Von dort gibt es aber nicht die Möglichkeit, in die Bahnstraße zurückzufahren.

Wittenberges Bauamtsleiter Hubert Mackel betonte, dass es im Zusammenhang mit der Öffnung der Bahnstraße keine baulichen Veränderungen geben werde. Die Fußwege wie auch die Straße seien acht Meter breit - breit genug für Parktaschen. "Wir sind noch in der Planung, wie der Bereich gestaltet werden kann", so Mackel. Dafür sind zunächst 3000 Euro veranschlagt.

Wann die ersten Autos die Bahnstraße befahren können ist noch unklar. Von frühestens Februar ist die Rede. Maßgeblich für die Aufhebung der Beschlüsse zur Fußgängerzone von 1994 bzw. 2000 ist das Einzelhandelsgutachten vom Juni dieses Jahres, das die Stadt in Auftrag gegeben hatte. Darin wird auf die ungünstige Verkehrsführung hingewiesen, die sich nachteilig auf die Geschäfte auswirke.

Doch fünf von sieben Einzelhändlern in der oberen Bahnstraße sehen die Entscheidung alles andere als positiv, sondern bezeichnen sie als "Blödsinn" - allerdings möchten sie das nicht öffentlich in der Zeitung bekunden .

Die Annahme, eine Aufhebung des Durchfahrverbots und die Schaffung von Parkplätzen könne die Kaufkraft stärken, bezweifeln die meisten der von uns gefragten Geschäftsleute. "Dadurch kommen doch nicht mehr Kunden. Im Gegenteil: Die Leute bleiben weg, denn mit Ruhe und Sicherheit ist es dann vorbei", so eine Inhaberin. Ein Ladenbesitzer sieht mit der Straßenöffnung gar das kulturelle Leben in Gefahr: "Mit der Fußgängerzone verschwindet eine der letzten Stadtoasen".

Das Optiker-Fachgeschäft Tautenhahn und der "Mode Express No 1" sind anderer Meinung. Sie erhoffen sich mehr Zulauf durch Kunden. Unter den befragten Passanten fand sich niemand, der die Entscheidung befürwortet. "Ich parke mein Auto in den Nebenstraßen und finde immer einen Parkplatz", argumentierte etwa Werner Kochanek, Rentner aus Breese.

Bauamtsleiter Hubert Mackel ist irritiert angesichts dieser Reaktionen. Von Februar dieses Jahres an gab es sechs öffentliche Veranstaltungen, auf denen das Einzelhandelskonzept und die Öffnung der Bahnstraße eine Rolle gespielt hatten. "Widerstände hat es nie gegeben. Sonst hätten wir doch nicht so entschieden", sagte Mackel.