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Gerichtsreport Betrunkener fährt Mädchen tot

Von Redaktion svz.de | 06.12.2016, 05:00 Uhr

Verurteilter Kraftfahrer will Haftstrafe vermeiden und hofft auf ein neues Urteil. Gericht wartet Unterlagen aus Bulgarien ab

Noch immer steht die Mutter der 13-jährigen Schülerin, die am 24. Februar vergangenen Jahres auf der Bundesstraße 103 in Richtung Schönebeck bei einem Unfall getötet wurde, unter dem Eindruck des Erlebten. Weinend verfolgte sie die gestrige Verhandlung gegen den Mann, der damals angetrunken hinter dem Steuer saß und zu spät ihre Tochter sah, die gerade die Straße überquerte.
Das Amtsgericht Perleberg hatte den 37-jährigen Familienvater im März dieses Jahres wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs und unerlaubten Entfernens vom Unfallort zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten verurteilt. Dass hätte für den Mann aus Bulgarien, der für eine Zeitarbeitsfirma in der Prignitz beschäftigt ist, Gefängnis bedeutet.

Er legte Berufung gegen das Urteil ein. Gestern fand die Berufungsverhandlung vor dem Landgericht Neuruppin statt. Der Angeklagte wehrte sich nicht gegen den Vorwurf, sondern nur gegen die Strafhöhe.

Es stand also fest, dass er sich am frühen Nachmittag des 24. Februar ans Steuer setzte, um mit einem Kollegen nach Pritzwalk zu fahren. Wohlwissend, dass er Alkohol im Blut hatte und nicht mehr fahrtüchtig war. Eine ihm um 18.35 Uhr entnommene Blutprobe ergab noch einen Wert von 1,13 Promille.

Das Mädchen wollte zur Bushaltstelle auf der gegenüberliegenden Seite und achtete nicht auf den Straßenverkehr, abgelenkt durch ihr Handy und Kopfhörer. So hieß es in der Urteilsbegründung des Amtsgerichts. Dort war ausgeführt, dass die Straße gut einsehbar war und der Angeklagte mit unverminderter Geschwindigkeit auf das Mädchen zufuhr, statt auf die Bremse zu treten. Es kam zu einem Zusammenprall.

Das Mädchen erlitt schwerste Kopfverletzungen. Es erlag unmittelbar seinen Verletzungen. Die Wiederbelebungsversuche des Kollegen des Angeklagten waren vergebens. Die beiden Männer verließen den Unfallort. Erst zweieinhalb Stunden später plagte den Angeklagten offenbar sein schlechtes Gewissen und er kam zurück zum Ort des Geschehens.

Die 13-Jährige wurde als „lebenslustiges Mädchen, das unbeschwert in einer behüteten Umgebung aufwuchs“ beschrieben. „Die Eltern freuten sich auf die vielversprechende Zukunft ihrer Tochter“, stand in dem Urteil des Amtsgerichts.

Die Mutter und die Zwillingsschwester litten und leiden sehr unter dem Verlust. Beide waren Anfang dieses Jahres noch in psychologischer Behandlung. Zu einem Urteil kam es gestern nicht.

Denn nach einem Auszug aus dem bulgarischen Zentralregister, der dem Gericht vorlag, wurde der Angeklagte in seiner Heimat bereits 2011 ebenfalls wegen einer Alkoholfahrt zu einer viermonatigen Strafe verurteilt. „Man hat mir meinen Führerschein damals abgenommen, aber vor Gericht gestanden habe ich nicht“, sagte der Familienvater gestern.

Das Gericht will nun überprüfen, ob der Angeklagte bereits in der Vergangenheit betrunken Auto gefahren ist und sich Unterlagen aus Bulgarien schicken lassen. „Das schaffen wir nicht in zwei oder drei Wochen“, sagte Richter Jörn Kalbow. Deshalb wurde die Verhandlung gestern ausgesetzt. Im kommenden Jahr wird neu verhandelt werden.

Ruth Hellenbruch