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Tiertherapie Amati und Django sind die Stars

Von hata | 24.12.2016, 04:45 Uhr

Natascha Kurz besucht mit ihren Hunden wöchentlich Senioren in Bad Wilsnack

Sie sind heute die Stars: Amati und ihr Bruder Django. Sie kennen sich aus, wissen, wo es die besten Leckerli gibt. Ließe Natascha Kurz sie von der Leine, würden die Jack Russel Spitze den Weg ohne sie finden. So aber ziehen und zerren sie mit einer Kraft, die man ihnen kaum zutrauen mag. „Guten Morgen, wir sind wieder bei euch“, ruft Natascha Kurz in den Aufenthaltsraum des Seniorenzentrums Am Wald in Bad Wilsnack.

Seit sieben Jahren kommt sie mit ihren Hunden hierher. Jede Woche, immer mittwochs für 90 Minuten. Natascha Kurz ist Mitglied im Mensch und Tier – Verein der tiergestützten Therapie. „Für mich ist es eine Aufgabe, die Spaß macht. Wenn in sich gekehrte Menschen plötzlich zu lächeln beginnen, eine Reaktion zeigen, ist das wunderschön.“

Amati und Django dürfen von der Leine, laufen auf die an einem Tisch sitzenden Bewohner zu. Glöckchen an ihren roten Halsbändern bimmeln leise. „Das klingt wie Jingle Bells“, meint eine Betreuerin und reicht Natascha Kurz einen Frühstücksteller mit Schnittchen. Wer mag, darf die Hunde füttern und streicheln.

Helga K.* nimmt sich ein Häppchen. Django schnappt zu, frisst ihr aus der Hand. Häppchen für Häppchen verschwindet in seinem kleinen Maul. „Oh wie süß“, sagt Helga K. und krault ihm den Kopf. Amati ist zu langsam. Sie schielt auf den schon fast blanken Teller, drängelt. „Du kriegst noch was.“ Weg ist der Happen. „So, jetzt sind sie wohl satt“, meint Helga K.

Auf Amati trifft das nicht zu. Sie läuft in den Nebenraum, wo der volle Teller stand. Django holt sich seine Streicheleinheiten. „Ach, da ist er ja“, sagt eine Frau, die erst jetzt die Vierbeiner wahrnimmt.

Klaus Schmidt sitzt in seinem Sessel, blickt aus dem Fenster hinaus in den grauen Wintertag. Amati springt auf seinen Schoß. Gemeinsam schauen sie stumm aus dem Fenster. Die Finger des Mannes kraulen das schwarze Fell.

„Wir und unsere Hunde absolvieren einen Lehrgang“, erklärt Natascha Kurz. Nicht jeder Hund sei geeignet. „Er muss sich gerne streicheln lassen, auf Menschen zugehen können, darf vor Krücken oder Rollstühlen keine Angst haben.“ Manche Menschen drücken fest zu. „Nicht ausgebildete Hunde würden vielleicht zuschnappen. Meine schauen mich an, so als ob sie wissen wollen, ob das okay sei.“

Im Nachbarzimmer freut sich Rainer Giese über den Kurzbesuch. „Ich gehöre hier zu den alten Hasen.“ Seit etwa 20 Jahren lebe er im Heim und fühle sich wohl. Nach wenigen Minuten gehen wir weiter. Amati und Django rennen die Treppe empor, laufen zum nächsten Gruppenraum. Hier steht der nächste Teller mit Schnittchen. Deshalb haben sie es so eilig.

„Da ist ja unsere Süße“, ruft Adelheid Lakaschus. Wie alte Bekannte begrüßen sich Amati und die Seniorin. Köpfe bewegen sich, Rollstühle werden in eine andere Position gebracht. Die Vierbeiner sorgen für Action, flitzen unter den Tisch und zwischen den Beinen der Bewohner durch. Schön sei es mit ihnen, sagen die Frauen. Sie achten darauf, dass beide gleich viele Häppchen bekommen. Fast jeder möchte sie streicheln. „Das ist für uns eine Abwechslung“, sagt ein Mann.

„Dürfen wir hereinkommen?“ Günter Koppe nickt. Er liegt im Bett, aber heute geht es ihm gut. Der Fernseher läuft. Natascha Kurz holt eine Decke aus ihrer Tasche, breitet diese auf dem Bett des Mannes aus. Vorsichtig legt sie Django darauf. Günter Koppe und der Hund sind sich ganz nah. Koppes Aufmerksamkeit gehört allein dem Hund. Liebevoll, gedankenversunken streichelt er ihn. Immer und immer wieder gleitet seine Hand über den Hunderücken.

Nirgends schaut Natascha Kurz auf die Uhr, drängelt oder weist einen Bewohner zurück. Rund 90 Minuten nimmt sie sich jede Woche Zeit, nur zwischen Weihnachten und Silvester legt sie eine Pause ein. „Ihr müsst ja auch mal Ruhe haben“, meint Günter Koppe. „Bleib gesund und die Hunde auch“, sagt er zum Abschied.

Zweites Obergeschoss, Gruppenraum. Heute werden Plätzchen gebacken. Es duftet, wir bekommen eine Kostprobe. Für Amati und Django steht der dritte Teller bereit. Anneliese Rück* kümmert sich um Amati. Ausgiebige Streicheleinheiten darf der Hund auf ihrem Schoß genießen. Django geht seinen eigenen Weg, verschwindet auf dem Flur.

„Komm‘ zurück, du musst auch arbeiten“, ruft ihn sein Frauchen vergeblich.

Beim Blick aus der Tür wird klar warum: Reinigungskraft Jutta Heinke hat Leckerli mitgebracht. Nur Schnittchen sind ja auch langweilig. Nicht nur die Bewohner, sondern alle scheinen sich zu freuen, wenn Amati und Django im Haus unterwegs sind.

Wir sind in der Tagesgruppe. Eine Dame holt Kekse aus der Tasche. Django verordnet sich selbst eine Pause und schlemmt. Ursel-Hannelore Hinze ruft nach Amati, doch der hofft ebenfalls auf einen Keks. Aber dann lockt ihn Betreuerin Margret Illner mit Wurst. Flugs sitzt Amati auf dem Schoß von Ursel-Hannelore Hinze und verputzt die Salami.

„Ich liebe Tiere“, gesteht Hinze. Zu Hause hat sie einen Kater, der nachmittags auf ihre Rückkehr wartet. Für ihn würde sie fast daheim bleiben, aber in der Tagesgruppe sei es abwechslungsreich. Erst gestern war Weihnachtsfeier, heute liest Margret Illner eine Geschichte vor. Sie gehen spazieren, helfen beim Vorbereiten des Mittags. So wie jeder kann und mag. Die Hunde passen wunderbar hinein und beim Abschied schaut Ursel-Hannelore Hinze ihnen lange nach.

Zwei Wochen werden bis zum nächsten Besuch vergehen. Eine ungewohnt lange Zeit für die Bewohner des Seniorenheims. „Sie werden uns vermissen. Naja, die Hunde vor allem“, sagt Natascha Kurz.