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Lokales

24. Oktober 2017 | 00:48 Uhr

Per Gentest in die Vergangenheit

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erstellt am 12.Apr.2011 | 07:15 Uhr

Wittstock | Im Jahr 1636 standen sich dort, wo heute der Nordzipfel Brandenburgs ist, die schwedische Armee und deutsche Truppen auf einem Schlachtfeld bei Wittstock gegenüber. Ihr Kampf, der sehr blutig gewesen sein soll und Tausende das Leben kostete, war einer der entscheidenden im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648). 2011 soll mit dem Gedenkjahr "375 Jahre Schlacht bei Wittstock" daran erinnert werden. Wie das gelingen kann und welche neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse es gibt, darüber sprach Claudia Rieger mit Dr. Sabine Eickhoff vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum (BLDAM), verantwortlich für die Organisation des Gedenkjahres.

Warum sollte den Laien eine Schlacht zwischen Schweden und Deutschen bei Wittstock interessieren?

Dr. Sabine Eickhoff: Die Schlacht von 1636 war im Dreißigjährigen Krieg eine sehr wichtige. Die Schweden waren bis dahin eigentlich auf dem Rückzug, konnten nach ihrem Sieg bei Wittstock aber wieder in das Heilige Römische Reich deutscher Nation, so die damalige Bezeichnung, vorrücken. Das hat den Krieg um zwölf Jahre verlängert, großes Leid vor allem für die Menschen in Brandenburg und den Schweden für Jahre eine Vormachtstellung in Europa gebracht.

Diese große negative Bedeutung für Brandenburg wollen wir für jeden deutlich machen. Wir wollen Geschichte leicht und verständlich vermitteln.

Bei diesem Thema sicher nicht ganz leicht. Wie soll das gelingen?

Auf vielen Ebenen. Wir richten uns einerseits an ein Fachpublikum, zum Beispiel im Juli mit einer Tagung in Wittstock zur Literaturwissenschaft. Dabei geht es um die Rezeptionsgeschichte der Schlacht, Stichwort: "Wallensteins Lager" von Friedrich Schiller. Wir wenden uns natürlich auch an geschichtsinteressierte Laien, etwa mit Vorträgen im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam. Wir wenden uns an Musik- und Barockinteressierte - So wird es zum Beispiel die "ArchäoMusica" im Archäologischen Landesmuseum in Brandenburg/Havel geben. Künstler, Musiker und Laienschauspieler werden dabei in Originalkostümen des Barock auftreten.

Für alle - speziell auch für Kinder - sind das Schwedenspektakel in Wittstock im Juni zu erwähnen und die Ausstellung "ArchäoTechnica" im Paulikloster, für die ein Soldatenlager nachgebaut wird.

Welche sind bei all dem die Höhepunkte des Jahres?

Höhepunkte für uns sind auch die Eröffnung eines neu gestalteten Ausstellungsbereiches zur Schlacht im Wittstocker Museum des Dreißigjährigen Krieges und des Aussichtspunktes in der Stadt auf das Schlachtfeld. Und die Sonderausstellung im Archäologischen Landesmuseum in Brandenburg/Havel. Sie ist reich bebildert und hat verschiedene Medienstationen.

Mit Blick auf die wissenschaftlichen Tagungen zur Schlacht: Gibt es überhaupt noch Neues zu erforschen zu einem fast 400 Jahre alten Ereignis?

Ein ganz ganz tiefes "Ja". Bei den Tagungen - eine fand vergangenes Wochenende in Wittstock statt, eine weitere ist für November geplant - geht es um die Schlachtfeldarchäologie. In den vergangenen Jahren konnten in dem Bereich viele neue Erkenntnisse gewonnen werden, die wir diskutieren und auswerten wollen. Zum Beispiel konnten wir frühere Schlachtfelder aus der Luft anschauen, dabei Schanzungen und ähnliche Eingriffe in die Landschaft aus damaligen Zeiten erkennen. Mittels neuer geo physikalischer Methoden und Sonden sind auch weitere Funde entdeckt worden, etwa Musketen und Kanonenkugeln. Hat man die, kann man den Verlauf der Schlacht rekonstruieren.

In Wittstock hatten wir 2010 außerdem die Möglichkeit, das frühere Kriegsgelände - heute zum Teil von Wald überwachsen - per Laserscan abzutasten. Die Ergebnisse konnten wir dann mit alten Karten verschneiden und so das Schlachtfeld genau abbilden.

An der Erforschung der Schlacht sowie am Gedenkjahr arbeiten neben Archäologen und weiteren Mitarbeitern des BLDAM auch Wissenschaftler vieler anderer Disziplinen…

Genau. Wir haben den Zweig der Histologie dabei: Dabei werden Knochenproben gefundener Skelette zum Beispiel unter dem Rasterelektronenmikroskop analysiert. Die Archäometrie bestimmt Isotope in den Knochen, die charakteristisch sind für die Ernährung eines Menschen. Mithilfe der Traumatologie identifizieren Anthropologen die Verletzungsmuster an den Skeletten. Damit verbunden ist die Rechtsmedizin, die die genauen Schlachtverletzungen untersucht. Humangenetiker haben Genanalysen an den Gebeinen gemacht, denn aus den Genen kann man Augen- und Haarfarbe der Gefallenen identifizieren. Radiologen haben beim Röntgen der Knochen Mangelerscheinungen entdeckt. Es waren auch Experten für Luftbildarchäologie, Landesvermessung und Waffenkunde dabei.

Die Experten kamen teils aus Konstanz, Göttingen, München. Wie findet ein solches Team zusammen?

Zum einen verfügten wir bereits über Kontakte zu Kollegen, die wir genutzt haben. Aber die Entdeckung des Massengrabes mit Gebeinen von 1636 gefallenen Soldaten war auch für uns am Landesamt überraschend. Wir haben danach Experten gesucht, die uns bei der Auswertung des Fundes unterstützen. Dafür hatten wir nur wenig Geld zur Verfügung. Also haben Fachleute unentgeltlich geholfen.

Heißt das, die Wissenschaftler haben ohne Lohn gearbeitet?

Die beim BLDAM oder anderswo Angestellten natürlich nicht. Einige externe Experten schon. Wir haben aber die Materialkosten für Laboruntersuchungen bezahlt. Das brandenburgische Denkmalschutzgesetz hat den großen Vorteil, dass demnach kein gefundenes Denkmal zerstört, sondern auf jeden Fall ausgegraben wird. Allerdings ist im Gesetz nicht geklärt, wer die anschließende Auswertung bezahlt. Nur die Finanzierung zur Rettung des Denkmals selbst ist geregelt.

Das 2007 von Bauarbeitern bei Wittstock zufällig entdeckte Massengrab, das offenbar nach der Schlacht angelegt wurde, war ein archäologischer Sensationsfund. Ist dieser inzwischen ausgewertet?

Anhand der zuvor geschilderten Methoden haben wir die Gebeine der Soldaten ganz ausführlich anthropologisch untersucht. Wir konnten den Steckbrief jedes einzelnen dort Begrabenen anfertigen: Wie alt er war, wo er aufwuchs, welche Krankheiten er hatte, wie er sich ernährte und woran er starb.

Wird dieses Jubiläumsjahr auch die Forschungen zur Schlacht von Wittstock beenden?

Bei den Tagungen werden wir noch weitere Ergebnisse zusammentragen und stellen diese im November vor. Ein Großteil der Erkenntnisse wird danach veröffentlicht. Für 2013/14 planen wir schließlich die Abschlussdokumentation - soweit wie wir dann sind. Es kann aber auch sein, dass ein weiteres Massengrab gefunden wird. Wir suchen nicht bewusst danach. Als Denkmalschutzorganisation sind wir der Meinung, dass es das Beste ist, wenn ein Denkmal im Boden bleibt. Aber auch das erste Grab war ja ein Zufallsfund. Und bei der Schlacht sind 8000 Menschen gestorben - entdeckt haben wir bisher 125. Die anderen werden wohl irgendwo in der Nähe bestattet sein. Sollten sie gefunden werden, muss sichergestellt sein, dass auch diese Funde ausgewertet werden.

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