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Mit Hilfe des Willens und der Mediziner Ess-Sucht besiegt : Patientin nimmt 162 Kilogramm ab

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Der Anblick im Spiegel kommt ihr noch ziemlich unwirklich vor. Die Person, die sie da erblickt, gefällt ihr gut, ist ihr aber noch etwas fremd. Der Grund: Sandra Lemp hat 162 Kilo abgenommen.

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erstellt am 07.Apr.2011 | 08:53 Uhr

Rostock | Der Anblick im Spiegel kommt Sandra Lemp noch ziemlich unwirklich vor. Die Person, die sie da erblickt, gefällt ihr gut, ist ihr aber noch etwas fremd. Der Grund: Sandra Lemp hat 162 Kilo abgenommen. Den Anfang schafft sie vor zwei Jahren ganz allein, dann sucht sie ärztliche Hilfe. "Ich wog in meinen ex tremen Zeiten 270 Kilo gewogen", erzählt die 36-Jährige. Damals besitzt sie nur einen Spiegel, der ihr Gesicht zeigt. Ihren massigen Körper will sie gar nicht erst sehen. Zu der Zeit lässt sich ihr Gewicht nur auf einer Getreidewaage ermitteln. "Auch wenn ich nie dünn gewesen bin, wog ich mit 16 Jahren nur 90 Kilo und war sportlich", erzählt sie. Irgendwann wird Essen für sie zur Ersatzbefriedigung für etwas, das ihr fehlt. Zuwendung zählt dazu. "Trotzdem habe ich einen guten Freundeskreis, der mich unterstützt, nie ausgrenzt und zu Aktivitäten anstachelt", erzählt Sandra Lemp. Auch ins Kino geht sie mit den Freunden, auch wenn sie nur auf der Treppe sitzen kann, weil sie in keinen Sitz passt.

Der Körper ist eine einzige Schmerzzone

Essen wird früh zum Zwang für sie. "Das ist eine Sucht", erzählt sie. "Ich bin nicht mehr satt geworden, egal, wie viel ich gegessen habe." Der Hunger meldet sich immer schnell zurück. Damals nimmt sie ihre Mahlzeiten nicht mehr von Tellern, sondern aus Schüsseln zu sich. "Ein leerer Kühlschrank hat mich unausstehlich gemacht", sagt sie. Ihr damaliger Freund sorgt für Nachschub. "Ich habe viel Geld in Essen gesteckt", sagt sie. In schlimmsten Zeiten bewältigt sie einen 1,5-Kilo-Sack Kartoffeln mit Soße aus einem Kilo Hack. "Trotzdem habe ich bald wieder Hunger verspürt", sagt sie. Irgendwann denkt sie nachts über ihr Leben und ihre Beziehung nach. "Ich erkannte, dass ich sterben muss, wenn ich mein Essverhalten und Gewicht nicht ändere", sagt Sandra Lemp. Die gesundheitlichen Folgen ihres Problems machen sie zur Invalidenrentnerin. Demütigung sind Teil des Alltags. Viele Kränkungen brennen sich ein.

Durch die Reflektion des Teufelskreises Ess-Sucht zieht Sandra Lemp einen Schlussstrich unter ihre Beziehung. Das Paar trennt sich. Sandra Lemp sucht sich eine eigene Wohnung. "Ich strich auf dem Bauch liegend Fußleisten. Anders ging es nicht", sagt sie. Ihr ganzer Körper ist eine einzige Schmerzzone. Oft fällt es ihr schon schwer, eine Tasse zu halten. Ihre Ausbildung als Konditorin bricht sie dadurch ab. Um sich nicht nutzlos zu fühlen, bewirbt sie sich als geistig Gesunde um Arbeit in einer Werkstatt für Behinderte.

Sandra Lemp bemüht sich seit 1998, dass ihr ein Magenband oder Magenballon eingesetzt wird. Anfangs vergeblich. Die Kassen genehmigen ihr nur Kuren "Das bringt aber zu wenig", sagt Lemp. Mit ihrem Gewicht geht es ständig bergauf und bergab. Irgendwann schafft sie es, 70 Kilo abzunehmen. Als die Waage wieder auf 205 Kilo klettert, zieht sie die Reißleine. Sie lässt sich zu Oberarzt Dr. Sven Förster in die Chirurgie des Universitätsklinikums Rostock überweisen, wo ein Adipositaszentrum entsteht. "Ich war total erleichtert", sagt sie. "Mit ihm ist mir ein guter Arzt und ein Mediziner voller Menschlichkeit begegnet." Sandra Lemp hört keine Vorwürfe von ihm, sondern erlebt Verständnis und das Gefühl, dass es trotz ihres massiven Übergewichts eine Lösung für ihr Problem gibt. Dafür erzählt sie ihm mit entwaffnender Offenheit von ihrer Leidensgeschichte, beschönigt nichts und weist anderen keine Schuld zu.

Bevor eine Magenveränderung vergenommen werden kann, muss der Stoffwechsel gründlich untersucht werden, um Störungen auszuschließen. 2008 genehmigt die Krankenkasse die Operation und den Einsatz eines Magenballons, durch den sie weniger zu sich nehmen kann. "Wenn ich viel oder zu schnell gegessen habe, dann ist mir schlecht geworden", sagt sie.

Oft sind mehrere Operationen erforderlich

"Problempatienten wie Frau Lemp sind mit ihrer Krankheit oft über Jahre allein gelassen worden", sagt Oberarzt Förster. "Die Ursachen für diese Ess-Sucht sind differenziert zu betrachten." Viele Ärzte trauten sich nicht an die Hochrisikopatienten, deren Organe oft angegriffen seien. Und Kliniken fehlten Voraussetzungen, es gebe wenig OP-Tische für Patienten mit über 200 Kilo. Nach dem Magenballon folgt bei Sandra Lemp 2009 die Operation für einen Magenschlauch, bei dem der Magen dauerhaft verkleinert wird. Seit zehn Jahren reagieren die Kassen aufgeschlossener auf Übergewichtige. "In vielen Fällen kommen wir um eine Operation nicht herum", sagt Förster.

Es bleibt nicht bei einer OP, weil Fettschürzen in der rekonstruktiven Chirurgie entfernt werden müssen. Oft folgen weitere Operationen. Bei Sandra Lemp sind auf diese Weise 14 Kilo Hautlappen entfernt worden. "Ich fühle mich wie neu geboren", sagt Sandra Lemp. Als sie nach der Operation auf ihre Beine gucken kann, ist sie so bewegt, dass sie weint. "Ich konnte sie jahrelang durch den dicken Bauch nicht mehr sehen", sagt sie. Jetzt hat sie neue Ziele, eine neue Liebe gibt es auch. Sandra Lemp möchte Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung werden. In einer Psychotherapie will sie ihre Ess-Sucht aufarbeiten. Die Angst vor dem Spiegel ist verschwunden. Jetzt besitzt die 36-Jährige einen, in dem sie sich von oben bis unten sieht. Dann kann sie oft nicht fassen, dass sie selbst diese Frau sein soll, die ihr da so verändert entgegenblickt.

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