Hilfe bei Demenz : Zum Teil der Familie geworden

Die Projektleiterin für die Helferkreise Schwerin, Parchim und Ludwigslust Susanne Müller (l.) sowie Silke Zepelin vom Pflegestützpunkt Parchim stehen Frank Seewald und den anderen Ehrenamtlichen stets mit Rat und Tat zur Seite.
Die Projektleiterin für die Helferkreise Schwerin, Parchim und Ludwigslust Susanne Müller (l.) sowie Silke Zepelin vom Pflegestützpunkt Parchim stehen Frank Seewald und den anderen Ehrenamtlichen stets mit Rat und Tat zur Seite.

Frank Seewald hat sein Ehrenamt gefunden: Er betreut stundenweise Pflegebedürftige in der Häuslichkeit und entlastet so deren Angehörige

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04. März 2016, 14:55 Uhr

Frank Seewald ist in den zurückliegenden Monaten für Familie Z.* zu einer engen Bezugsperson geworden: In unterschiedlichen Abständen, aber doch regelmäßig, kommt er zu Besuch. Etwa ein bis zwei Stunden gilt seine fürsorgliche Aufmerksamkeit Walter Z. An guten Tagen, in klaren Momenten, kann Walter Z. viel aus früheren Zeiten abrufen, wenn sie sich unterhalten. Dann erstaunt er seinen Gesprächspartner regelrecht mit seinem Technikwissen.

Seine Gabe, dass er sich schon immer gut auf ältere Menschen einlassen konnte, kommt Frank Seewald in seiner ehrenamtlichen Tätigkeit sehr zu Gute. Er ist ein einfühlsamer, geduldiger Zuhörer. Bei Bedarf begleitet er Walter Z. auch zum Arzt. Oder sie unternehmen einen Spaziergang. „Ich wundere mich selbst, wie viel ich in dem einen Jahr über Parchim kennen gelernt habe, obwohl ich seit 1994 hier lebe“, gesteht Frank Seewald. Dass Walter Z. ihn ganz selbstverständlich „meinen Betreuer“ nennt, empfindet Frank Seewald als großen Vertrauensbeweis. Erleichtert beobachtet vor allem Gerda Z., wie gut ihrem Mann die Gesellschaft von Frank Seewald tut. Er würde ihn sogar vermissen, wenn er länger nicht zu Besuch war, erzählt sie.

Frank Seewald gehört zum Helferkreis Parchim der Comtact GmbH, der ehrenamtlich stundenweise Menschen mit Demenz sowie Pflegebedürftige betreut und begleitet. Dabei handelt es sich um ein niedrigschwelliges Unterstützungsangebot für pflegende Angehörige, die praktisch rund um die Uhr im Einsatz sind und damit unter permanenter Dauerbelastung stehen. Die stundenweise Entlastung soll ihnen Freiräume verschaffen, damit sie einmal für kurze Zeit ihren eigenen Bedürfnissen nachgehen, neue Kraft für die Pflege sammeln oder sich um ihre eigene Gesundheit kümmern können, die oft hintenan gestellt wird. „Ich bin sehr dankbar, dass es diese Möglichkeit gibt und solche Betreuungs- und Entlastungsangebote für Demenzkranke und Pflegebedürftige auch durch die Pflegeversicherung abgefedert werden“, sagt Gerda Z.

Gerda Z. wurde im April 2015 vom Pflegestützpunkt Parchim auf den damals noch im Aufbau befindlichen Helferkreis aufmerksam gemacht. Wenige Monate zuvor begann die Krankheit bei ihrem Mann, der bis ins hohe Rentenalter immer geistig und körperlich sehr aktiv gewesen ist, rapide fortzuschreiten.

Die Phase des geistigen Abschieds ihres Mannes von den engsten Angehörigen sei für sie die schlimmste Zeit gewesen, erinnert sich Gerda Z. „Das hat zuerst furchtbar weh getan.“ Sehr zu schaffen macht ihr auch der permanente Schlafmangel. „Ich weiß nicht, wann ich das letzte mal richtig durchgeschlafen habe. Man hat immer auf Empfang geschaltet.“ Kraft gibt ihr der Zusammenhalt in der Familie, die bemüht ist, den Umgang mit dem demenzkranken Ehemann, Vater und Großvater so normal wie es unter diesen Umständen noch möglich ist, zu gestalten, und auf falsche Rücksicht zu verzichten. Und sie entschloss sich relativ schnell, das Betreuungsangebot anzunehmen. Susanne Müller, Projektleiterin für die Helferkreise Schwerin, Ludwigslust und Parchim bei der Comtact GmbH Schwerin, weiß aus mehrjähriger Erfahrung, dass das ein sehr schwerer Schritt für die Angehörigen ist: „Meist gärt die Zeit der Annahme des Hilfsangebotes eine Weile“, zeigt sie Verständnis dafür, dass sich nicht jeder sofort darauf einlassen kann, seine Privatsphäre einem Außenstehenden zu öffnen.

Zu ihrer großen Erleichterung hatte Gerda Z. vom ersten Moment an das sichere Bauchgefühl, dass der ausgewählte Betreuer zu ihrem Mann passt. Das erste Kennenlerngespräch im Beisein der Leiterin des Helferkreises verlief optimal. Mit jedem Besuch wuchs das Vertrauensverhältnis. Als unverzichtbares Arbeitsmittel führt Frank Seewald einen Betreuungsbogen. Auf dem macht er sich Notizen, auf welche Gesprächsangebote Walter Z. besonders gut anspricht oder welche Schlagworte seine Gedankenwelt aufhellen helfen und was vermeiden hilft, ihn unnötig zu verstören. Für seinen Einsatz wurde er im Vorfeld umfassend geschult. „Wir sind wirklich toll vorbereitet worden“, lobt Frank Seewald. Seine erste Betreuungsstunde bei Familie Z. absolvierte er sogar schon kurz vor der letzten Einheit des 40-stündigen Schulungskurses. Nach gut zehnmonatigem Einsatz ist er sich sicher, dass diese freiwillige Tätigkeit im Helferkreis seine Berufung ist. Auf diese Möglichkeit des Engagements aufmerksam wurde er über einen Beitrag in der Zeitung. Von dem Aufruf, dass noch Mitstreiter gesucht werden, fühlte er sich direkt angesprochen. Hinzu kam, dass Frank Seewald zu diesem Zeitpunkt intensiv auf der Suche nach einer ehrenamtlichen Aufgabe war, die ihn ausfüllt. Seine Motivation, auch für seine Tätigkeit als ehrenamtlicher Pflegelotse für die Stadt Parchim: Er wolle Angehörigen Betroffener das Gefühl geben, sie stehen in ihrer Situation nicht allein da. Diese schmerzliche Erfahrung blieb seiner Familie vor vielen Jahren, als die Großmutter an Demenz erkrankte, leider nicht erspart.

Der Helferkreis Parchim zählt neben Frank Seewald weitere 14 Mitwirkende, davon sind derzeit zehn aktiv in die Betreuung eingebunden. Seit April 2015 leistete das Team in der Kreisstadt und im Umland in 653 Einsätzen mehr als 1280 Betreuungsstunden, erfuhr SVZ von Susanne Müller. Vor allem aus Lübz, Plau und dem Umkreis von Parchim sowie aus der Kreisstadt selbst kommen Anfragen.

Der Bedarf ist da, bestätigt Silke Zepelin vom Pflegestützpunkt Parchim. Deshalb möchte sich der Helferkreis weiter vergrößern, um vor allem auch die Betreuung Betroffener im ländlichen Raum absichern zu können. Eine weitere Schulung für ehrenamtliche Demenzbetreuer startet bereits am 16. März (siehe Beitrag links). In bewährter Weise werden ebenfalls die Gesprächskreise für pflegende Angehörige regelmäßig fortführt. Nächster Treff ist am 7. März um 14 Uhr in den Räumlichkeiten des Seniorenpflegeheimes „Haus Sonnenberg“ am Juri-Gagarin-Ring 5 in Parchim.

* Name von der Redaktion geändert

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