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Parchimer Zeitung

20. November 2017 | 07:11 Uhr

Wohlfühlen zwischen Stadt und Land

vom

svz.de von
erstellt am 19.Mär.2012 | 05:23 Uhr

Parchim | Die Sonne scheint satt bei herrlichen 18 Grad, als wir Christine und Thomas Eickhorst treffen. Er - Bäckermeister und Inhaber der Backstube Pahnke in Parchim. Sie - Inhaberin des Blumenladens "Löwenzahn" im Parchim Center. Es ist Freitag, die Arbeit geschafft und so gehört der erste wirklich herrliche Frühlingsnachmittag ihnen. Und der Junior-Rasselbande. Das sind Malte (12), Lennard (10) und Liv-Emma (4). Wie die Orgelpfeifen sitzen die drei am Kaffeetisch und lassen sich Erdbeerschnitten, Zupfkuchen und kalten Hund schmecken. Keine Frage, der Vierbeiner aus Schokolade ist Livs Lieblingskuchen. "Schlimm? Och, ich wasch das nachher ab, und dann bin ich wieder hübsch", sagt die Kleine. Christine Eickhorst lächelt. Bei drei Kindern kann sie so schnell nichts aus der Ruhe bringen, so eine süße "kalte Hundeschnute" schon gar nicht.

Zwei Hamburger erobern den Osten

Früh haben die beiden gebürtigen Hamburger ihre Prioritäten gesetzt. Von Anfang an jeder in seinem Job, gemeinsam dann in der Familie. Da genießen sie ihr Leben. Fern der Hansestadt, wo beide groß geworden sind. Vor knapp 20 Jahren, als er gerade 22, sie 21 Jahre alt und die Wende noch keine drei Jahre her war, war ihnen die Idee gekommen, den Osten zu entdecken. "Wir waren frisch verheiratet, kannten die Region nicht und hatten auch keine Verwandten hier", erzählt Thomas Eickhorst. Trotzdem zog das junge Paar los. "Eine Anzeige im Hamburger Abendblatt hatte uns neugierig gemacht und als wir dann hier waren, schraubten wir unsere Pläne noch weiter", sagt Christine Eickhorst. "Der Landstrich gefiel uns auf Anhieb, und die alte Büdnerei in Brenz hatte es uns vom ersten Moment wirklich angetan. Obwohl wir es ursprünglich überhaupt nicht vor hatten - wir kauften sie."


Anderthalb Jahre Baustelle - ein Leben aus dem Koffer

Ab sofort hatten sie also ein Haus im Osten, die Arbeit aber immer noch im Westen. Was knüppelharte anderthalb Jahre nach sich zog. Die brauchten sie, um ihre Büdnerei soweit zu sanieren, dass sie einziehen konnten. Und solange mussten sie eben pendeln. Thomas Eickhorst, inzwischen 42 Jahre, schaut mit einigem Respekt zurück: "Es war eine harte Zeit. Immer lebten wir auf der Baustelle, immer aus dem Koffer. Ich glaub’, es gab wohl keine Ecke, wo wir nicht irgendwann mal geschlafen haben. Doch damals ging das irgendwie, wir waren jung, und wir hatten ein Ziel vor Augen."

20 Jahre ist das nun her, die Büdnerei, bis auf die immer anfallenden Arbeiten, lange fertig. Was sich gewandelt hat, ist das Leben. Das führen sie von ihrem "Nest" aus - wie Mama Eickhorst ihre Büdnerei samt Hof, zwei Pferden und dem siebenjährigen Labradorrüden Eddi nennt - in Parchim. Die Kreisstadt ist zur Drehscheibe aller in der Familie geworden: Liv-Emma besucht den katholischen Kindergarten St. Josef und fühlt sich pudelwohl dort. Malte und Lennard gehen auf die Paulo Freire Schule und kommen mit den Freiheiten aber auch mit den Anforderungen dort bestens klar. Ja, weil Thomas und Christine Eickhorst beide ihr gut gehendes kleines Unternehmen, in Parchim führen, lag es auf der Hand, Schuleinzugsbereiche und ehemalige Kreisgrenzen zu ignorieren und das Familienleben so zu organisieren, dass es nicht nur funktioniert, sondern richtig gut läuft. Das ist heutzutage schwer genug. Christine Eickhorst: "Als Bäcker muss Thomas jeden Morgen früh raus, ich jeden zweiten Tag, wenn ich zum Großmarkt in Hamburg fahre. Ohne Zeitmanagement und klare Absprachen geht da gar nichts." Das Management der Ex-Hamburger funktioniert und reicht sogar für mehr noch: Beide Jungs spielen Handball bei der SG Parchim/Matzlow-Garwitz, Malte Trompete und Lennard Klavier an der Kreismusikschule, was noch etliche Touren mehr, nämlich die zu Trainingseinheiten, Übungsstunden und Punktspielen bedeutet. "Aber das passt schon", sagt Thomas Eickhorst.

Zeit für die Kinder ist den Eltern enorm wichtig

"Und weil wir beide im Grunde unser eigener Herr sind und schon in aller Herrgottsfrühe arbeiten, können wir uns am Nachmittag Zeit für unsere Kinder nehmen. Solange sie klein sind - und noch sind sie klein - finden wir es wichtig, für sie da zu sein."

Malte und Lennard können sich nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben, Schul- und Sportfreunde zu haben. "Ich finde es total cool hier", sagt der Große. Liv ist da gern, wo ihre Brüder und die Eltern sind. Und die fühlen sich, abgesehen von manchmal zu viel Bürokratie, oftmals zu viel Amtsschimmel und wachsendem Geschäftsleerstand wohl in Parchim. Thomas Eickhorst: "Wenn die Leute hören, dass wir ursprünglich aus dem Westen kommen, sind sie oft erstaunt und sagen ,das merkt man aber gar nicht.’" Längst nehmen er und seine Frau dies als Kompliment: "Als solches ist es wohl auch gemeint. Und ich denke, wenn wir so wirken, liegt das am Mitmachen, am Chancen nutzen und sich einbringen. Und genau das tun wir."


Parchim: Schönes Umfeld mit Schandflecken

Es lässt sich leben in Parchim und Umgebung. Das ist vereinfacht zusammengefasst ein Ergebnis unserer großen Lebenswert-Umfrage, bei der Sie Ihre Heimatstadt oder Ihre Heimatgemeinde bewertet haben. Etwa 2000 Leserinnen und Leser machten mit – eine ansehnliche Datenbasis.


Wäre die Stadt Parchim eine Schülerin, bekäme sie von Ihnen die Gesamtnote 2 minus. 39 Prozent der Teilnehmer vergaben nämlich eine 2 und 29 Prozent die Note 3. Eine 35-jährige Parchimer Angestellte lobt: „Es gibt hier in Parchim in vielen Bereichen tolle Angebote der Freizeitgestaltung (Theater, Kino, Sport). Es fehlt eine Fußgängerzone ohne Fahrverkehr zum Bummeln und Shoppen.“ Bei allem Lob, z.B. für das Umfeld, schimmert aber auch Kritik durch. Eine 63-jährige Parchimer Rentnerin schreibt: „Parchim hat ein schönes Umfeld, Schandflecke gibt es aber seit langem im Zentrum. Sie stören den guten Gesamteindruck.“ Die Notenverteilung: 1 (7 %), 2 (39%), 3 (29%), 4 (10%), 5 (9%), 6 (4%).


Ein ähnliches Bild wie die Gesamtnote für die Stadt ergibt sich bei der Bewertung des schulischen Angebots: Note 2 minus insgesamt. Besonders Eltern aus dem Umland kritisieren Schulschließungen und lange Fahrwege. Und es könnte mehr für Kinder getan werden. Ein 28-jähriger Angestellter aus Parchim schreibt: „Es gibt kaum seitens der Stadt initiierte und durchgeführte Aktionen und Veranstaltungen für Kinder und Familien, lediglich Bürgerinitiativen tragen zur Aufwertung des Stadtbildes bei.“ Und: „In Parchim gibt es nicht vieles, was man als Familie unternehmen kann, kein Tierpark, keine Schwimmhalle.“
Die Notenverteilung: 1 (16%), 2 (41%), 3 (20%), 4 (10%). 5 (2%), 6 (8%)


Beim Kinderbetreuungsangebot kann Parchim punkten. Eine gute Note 2 vergeben die Eltern insgesamt. „Das ist Spitze hier“, schreibt eine junge Mutter. Eine Stimme aus Groß Godems: „Wir haben eine Schule und einen Kindergarten im Ort. Was wollen wir mehr?“ Freud und Leid liegen dicht beieinander, liest man, was Spornitzer Eltern schreiben: „Seit 1684 gab es in Spornitz eine Schule, seit 2011 nicht mehr.“
Die Notenverteilung: 1 (19%), 2 (50%). 3 (15%), 4 (8%), 5 (4%), 6 (0%).

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