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Lesung zum Thema Demenz : „Wir sind unsere eigene Lobby“

vom
Aus der Redaktion der Parchimer Zeitung

Margot Unbescheid liest auf Einladung der Pflegestützpunkte am 15. September in Parchim und Ludwigslust

von
erstellt am 09.Sep.2017 | 16:00 Uhr

Diagnose Alzheimer! Zu dem Thema kann Margot Unbescheid aus Frankfurt am Main eine Menge sagen. Aus eigenem Erleben: Ihr Vater erhielt vor 18 Jahren die niederschmetternde Diagnose. Damals war er 65 Jahre. Seitdem unterstützt Margot Unbescheid mit Mann und Kindern ihre Mutter bei der Betreuung des Vaters. Sie weiß, wie es sich als pflegende Angehörige anfühlt, die eigene Belastungsgrenze längst überschritten zu haben und ständig getrieben zu sein von dem Gefühl: „Ich tue nicht genug.“ Am Freitag kommender Woche ist sie zu Gast in der Region. Auf Einladung der Pflegestützpunkte Parchim und Ludwigslust wird Margot Unbescheid in beiden Städten über ihre Erfahrungen sprechen - als Mutmacher für andere. Im Gepäck hat sie ihr Buch „Alzheimer. Das Erste-Hilfe-Buch.“

Sie habe das Buch, das sie vor fast 18 Jahren gebraucht hätte, einfach selber geschrieben. „Ich wollte schildern, wie es wirklich zugeht im Leben mit Alzheimer in der Familie. Nicht so absurde Ratschläge wie: ’... nehmen Sie es nicht persönlich, wenn Ihr an Demenz erkrankter Partner Sie anschreit...... !’ Ich möchte helfen, dass andere sich nicht mehr so schwertun müssen und schneller finden und begreifen, was man wirklich braucht, wenn es los geht mit Alzheimer“, sagt die Autorin im SVZ-Gespräch zum Anliegen ihres Buches. Der Gratwanderung, dass man mit einem persönlichen Erfahrungsbericht die Privatsphäre verlässt, sei sie sich sehr wohl bewusst gewesen: „Natürlich ist das ein Problem - ganz klar. Ich gehe da aber nicht allzu weit. Niemand kennt meine Eltern. Es gibt Dinge, die gehören in vertrauliche Gespräche und nicht in die Öffentlichkeit. Aber alles, was ich schreibe oder vortrage, erleben andere Angehörige auch und brauchen genau dafür Hilfe. Sie hätten es leichter, wenn diese Dinge endlich jedem bekannt wären“, unterstreicht Margot Unbescheid. Sarkastisch fügt sie hinzu: „Klar, gesund leben und sportlich aktiv sein, schadet niemandem. Aber das, was uns wirklich hilft am Anfang, das ist: Bescheid wissen.“

Margot Unbescheid ist pflegende Angehörige - seit 18 Jahren.
Margot Unbescheid ist pflegende Angehörige - seit 18 Jahren. Foto: Veranstalter
Die Autorin engagiert sich an ihrem Heimatort als 2. Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft und Mitglied im Frankfurter Ethikkomitee in der Altenhilfe. Ihre Motivation? Alzheimer-Gesellschaften haben in den letzten Jahren in Deutschland ein unglaubliches Netz an Unterstützungen auf die Füße gestellt. „Also ist das – natürlich neben Wohlfahrtsverbänden, kirchlichen Einrichtungen, Privatinitiativen, Pflegestützpunkten etc. – quasi meine Standesvertretung. Die sind für uns und unsere demenzbetroffenen Elternteile oder Partner da“, unterstreicht Margot Unbescheid. Tatsächlich sei damals der erste Schritt in die richtige Richtung mit ihrem Vater von einer Bekannten, die im Vorstand eines Landesverbandes einer Alzheimer Gesellschaft arbeitet, gekommen. „Von ihr kamen unglaublich viele Informationen, auch Dinge, mit Langzeitwirkung. Ich habe intuitiv vieles gewusst, was ich später erst richtig begriffen habe“, schätzt Margot Unbescheid heute ein. Ihren ersten Vortrag über die Lebenssituation als Tochter eines Vaters mit Alzheimer konnte sie bei der Eröffnung eines Kongresses des Dachverbandes der Deutschen Alzheimer Gesellschaft (DALZG) in Braunschweig halten. Das war 2011.
 

Doch woher nimmt man als pflegende Angehörige überhaupt noch die Kraft, sich für seine Mitmenschen zu engagieren? „Die hat man, weil andere sich auch für einen engagiert haben und das ständig noch tun. Die Kraft hat man, weil es wichtig ist, dass wir unser Wissen und unsere Kenntnis weitergeben und einander beistehen, wenn es ernst wird. Und bei einer Alzheimer Demenz wird es ernst. Die Kraft hat man, weil das Thema auf uns alle zukommen kann, egal ob wir die Augen verschließen - oder nicht.“ Margot Unbescheid lässt von ihren Lesungen auch folgende Botschaft ausgehen: „Alles, was wir heute dafür tun, dass Betroffene – also die Menschen, die die Demenz trifft und ihre Angehörigen – ein gutes Leben auch unter einer solchen Demenz führen können, wird in wenigen Jahren uns selbst, unseren Verwandten, Nachbarn, Freunden zugute kommen. Wir sind praktisch unsere eigene Lobby.“ In ihrem Erste-Hilfe-Buch gibt die Autorin folgenden Denkanstoß: „Denken Sie einmal darüber nach, wie Sie selbst im Alter - vielleicht mit Alzheimer - leben möchten. “

 





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