Babybedenkzeit : „Wie mit einem richtigen Baby“

Gemeinsam mit ihren jüngsten Elternpraktikanten von der Goetheschule freute sich Barbara Guth (r.) über die Auszeichnung mit dem StiftungsPreis 2016. Übergeben wurde er von Dieter Heidenreich, Vorsitzender des Stiftungsvorstandes der Bürgerstiftung der Volks- und Raiffeisenbank eG (Hintergrund l.) sowie Uwe Gutzmann, Kuratoriumsvorsitzender.
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Gemeinsam mit ihren jüngsten Elternpraktikanten von der Goetheschule freute sich Barbara Guth (r.) über die Auszeichnung mit dem StiftungsPreis 2016. Übergeben wurde er von Dieter Heidenreich, Vorsitzender des Stiftungsvorstandes der Bürgerstiftung der Volks- und Raiffeisenbank eG (Hintergrund l.) sowie Uwe Gutzmann, Kuratoriumsvorsitzender.

Siebtklässler absolvierten Elternpraktikum. Projekt „Babybedenkzeit“ von Bürgerstiftung der Volks- und Raiffeisenbank ausgezeichnet.

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16. Juni 2016, 05:00 Uhr

Vor einer Woche hätte sich Pia Schulz nicht im Traum vorstellen können, was es bedeutet, in eine solche Verantwortung hineinzuwachsen: Fünf Tage und Nächte umsorgte die 14-Jährige einen Säugling – und das mit allen Aufgaben, die dazugehören. Zwar handelte es sich bei ihrem David um einen Babysimulator. Doch die Puppen, in denen ein computergesteuertes Herz schlägt, fühlen sich nicht nur an wie ein richtiges Baby, sie können auch schreien (und das z. B. ausgerechnet im Pizzaladen), bekommen Hunger, wollen gewickelt, in den Arm genommen, getröstet und liebkost werden. Gemeinsam mit zehn weiteren Siebtklässlern der Regionalen Goetheschule absolvierte Pia gerade ein Elternpraktikum. Einfühlsam begleitet (im Notfall sogar nachts) wurden sie von Barbara Guth, Leiterin der DRK-Schwangerschaftsberatung in Sternberg. Die Sozialpädagogin verhalf im Juni 2004 dem Projekt Babybedenkzeit in Mecklenburg-Vorpommern auf die Welt.

Seit 2007 ist es auch fester Bestandteil der Präventionsarbeit an der Regionalen Goetheschule. Für Lilli-Sophie Nebrich, Lydia Salewski, Mareike Schacht, Emily Schwarz und Emma Stehnke waren die zurückliegenden fünf Tage jedenfalls eine bleibende Erfahrung fürs Leben. Lilli-Sophie z. B. bekam gleich an zwei Nächten hintereinander jeweils nur eine Stunde Schlaf, trotzdem saß sie pünktlich zum Unterrichtsbeginn auf der Schulbank. Berufswunsch: Erzieherin. Fragenden Blicken beim Spazierengehen durch die Stadt mit dem „Nachwuchs“ im Kinderwagen oder im Tragegestell begegneten die Schülerinnen selbstbewusst: „Wir machen bei einem Schulprojekt mit.“ Und das möchten die Siebtklässler ihren Mitschülern aus den heranwachsenden Jahrgängen ebenfalls dringend empfehlen. Die Reaktionen der glücklichen, aber auch erschöpften Elternpraktikanten auf ihre Frage „Na, wie sieht es mit einem Baby aus?“ sind Barbara Guth im Laufe der Jahre vertraut geworden: Dem lautstarken „Ja“ folgte auch in der Goetheschule wie im Chor der Zusatz: „Aber erst später.“ Was damit gemeint ist, erklärt Pia, die ihre Mutterrolle übrigens hundertprozentig korrekt gemeistert hat, wie die Auswertung später ergab. Sie wolle erst eine Ausbildung in trockenen Tüchern und eigenes Geld verdient haben, bevor die Familienplanung beginnt. Mit ihrer Offenheit, wie sie ihre „Elternzeit“ reflektierten, beeindruckten die Siebtklässler nicht nur ihre Lehrerin Silvia Frick und Schulsozialarbeiterin Karin Hoffelner. Für Uwe Gutzmann, Kuratoriumsvorsitzender der Bürgerstiftung der Volks- und Raiffeisenbank eG, und Stiftungsvorstand Dieter Heidenreich waren die Worte der Teenager der authentische Beweis dafür, wie hochverdient die Auszeichnung für das Projekt Babybedenkzeit mit dem StiftungsPreis 2016 „Hilfe zur Selbsthilfe“ ist. „Dieses Projekt ermöglicht eine ganzheitliche Erfahrung und bewirkt somit eine nachhaltige Auseinandersetzung mit dem Thema Elternschaft durch eigenes Erleben. Der ’moralische Zeigefinger’ erübrigt sich“, begründet das Kuratorium seine Auszeichnung. Das Preisgeld in Höhe von 3000 Euro soll für die Erneuerung der durch den regelmäßigen Gebrauch schon etwas in die Jahre gekommenen Ausstattung der Babysimulatoren und in die Anschaffung eines weiteren Simulators verwendet werden. Bis heute begleitete Barbara Guth in 304 Kursen insgesamt 2363 Schüler zwischen 13 und 16 Jahren.

(Den Beitrag mit weiteren Hintergründen finden Sie in der Printausgabe und im E-Paper)

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