Parchim : Werkzeug taucht 63 Jahre später auf

Werner Schwabe mit seinem Gesellenstück, einem Schneideisenhalter. Verarbeitet hat er auch ausgediente Bolzen aus Ketten von Panzern.
Werner Schwabe mit seinem Gesellenstück, einem Schneideisenhalter. Verarbeitet hat er auch ausgediente Bolzen aus Ketten von Panzern.

Werner Schwabe erhält sein Gesellenstück zurück, das er 1953 während seiner Ausbildung beim Backofenbau Parchim gefertigt hat

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14. Juni 2016, 05:00 Uhr

Das weckt Erinnerungen: Nach 63 Jahren ist der Parchimer Werner Schwabe auf sein Gesellenstück, einen Schneideisenhalter, gestoßen. Er hatte mit der Fertigung dieses Werkzeugs seine Lehre zum Dreher (1950 bis 1953) beim Backofenbau in Parchim abgeschlossen.

Über sechs Jahrzehnte später hatte er bei einem Tag der offenen Tür in dem Nachfolgebetrieb eine Maschine entdeckt, an der er schon in den 1950er-Jahren gearbeitet hatte. So erkundigte er sich, ob möglicherweise auch ein Werkzeug aufgehoben wurde, das er selbst in seiner Lehre gefertigt hatte. Und das fand sich wirklich in einem der Schränke. Der langjährige Betriebschef Horst-Dieter Kukuk überließ dem früheren Gesellen den Schneideisenhalter. Werner Schwabe ist dankbar. „Es freut mich, dass es den Betrieb Backofenbau noch gibt“, sagt er. Angesichts dessen, was er in den Werkhallen gesehen und gehört habe, müsse man den Hut ziehen.

Er wollte als Gesellenstück etwas Nützliches schaffen, erzählt Schwabe. Und das wurde das Werkzeug, das für das Schneiden von 16-Millimeter-Gewinden gebraucht wurde. Es gab bereits Schneideisenhalter, aber bei denen brachen die Griffstücke immer wieder ab, weil sie angeschweißt waren, erinnert sich der Parchimer. Bei seinem Gesellenstück gab es dann eine haltbare Schraubverbindung. Und das Werkzeug hat wirklich bis heute überstanden.

Ausgediente Bolzen aus Ketten von Panzern hatte der Lehrling in dem Werkzeug verarbeitet. „Ich hatte kein anderes Material“, blickt er zurück. Oft wurde er vom Meister beauftragt, sich mit dem Ziehwagen zum Schrottplatz am früheren Güterbahnhof zu begeben, um nach Material Ausschau zu halten. Dann schlug er Metall auf Metall. „Was hell klingt, bringst du mit“, sagte sein Meister. Denn der Klangton gab Rückschlüsse auf die Materialqualität.

Aus Nichts etwas machen: Vor dieser Aufgabe standen die Arbeiter damals in vielen Betrieben. Werner Schwabe kann darüber zahlreiche Geschichten erzählen. Beispielsweise über einen Auftrag für die damalige Auto-Transport-Gemeinschaft (ATG). Dort gab es nur einen einzigen Lkw, der für die Versorgung der Bevölkerung genutzt wurde. An diesem Laster ging die Lenkschnecke kaputt. Ersatz war nicht zu besorgen. Angesichts des Notstands fragten die Verantwortlichen in den Betrieben nach. Die Metaller im Backofenbau trauten es sich zu und erhielten eine Genehmigung, dieses sensible Lenkungsteil zu fertigen. „Da war viel Wissen gefordert“, so Werner Schwabe. „Und es hat viel Schweiß gekostet.“

Ersatzteile waren vielerorts gefragt, aber selten zu bekommen. Beispielsweise fiel im städtischen Bauhof eine große Zugmaschine aus. Ein Kolben im Motor war kaputt und nirgendwo ein neuer aufzutreiben. Doch der Bauhof hatte noch einen Rohling. Und aus dem fertigten die Männer im Backofenbau das dringend benötigte Ersatzteil.

Der Parchimer Betrieb habe in den 1950er-Jahren viel repariert und aufgearbeitet, berichtet Werner Schwabe. So wurden die Loren zum Transport von Ziegeln für Benzin wieder funktionstüchtig gemacht. Es gab viele Aufträge von Handwerksbetrieben und Landwirten, berichtet der Parchimer. Zahlreiche Einzelbauern hatten seinerzeit beispielsweise Probleme mit ihren Zentrifugen.

Für das Gesellenstück, das Werner Schwabe als 17-Jähriger vorlegte, erhielt er übrigens die Note 1 und seine Lehre als Dreher schloss er mit einer 2 ab. Er qualifizierte sich später in Magdeburg weiter, kam zurück nach Parchim in das Metallformwerk, wurde selbst Lehrmeister. Hier und später im Hydraulikwerk war der Parchimer in der Berufsausbildung tätig – insgesamt 24 Jahre lang.

Das inzwischen geputzte Gesellenstück bekommt jetzt einen Ehrenplatz in der Wohnung von Werner Schwabe in der Parchimer Weststadt.

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