Frauengruppe des Suchthilfezentrums Parchim : Wenn jeder Tag zur Kampfansage wird

Trinkende  Frauen werden anderes als   trinkende Männer oft stigmatisiert  und in der Gesellschaft oft abgewertet.   Die meisten greifen erst  in  späteren Jahren zur Flasche und trinken  im Verborgenen. Archiv
Trinkende Frauen werden anderes als trinkende Männer oft stigmatisiert und in der Gesellschaft oft abgewertet. Die meisten greifen erst in späteren Jahren zur Flasche und trinken im Verborgenen. Archiv

Die SVZ sprach mit Mitgliedern der Frauengruppe des Suchthilfezentrums in Parchim, die vor Jahren ihr Leben an den Alkohol verloren und jetzt dabei sind, es Stück für Stück zurückzuerobern.

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26. September 2012, 10:28 Uhr

Parchim | Wie schwer es ist, in einer trinkenden Gesellschaft abstinent zu leben, das können wohl nur Betroffene wissen. Wie Jutta, Birgit und Marion. Seit Jahren kommen die Frauen regelmäßig in die Steegemannstraße in Parchim. Hier, im Suchthilfezentrum des Diakoniewerks Kloster Dobbertin, haben sie sich in einer Selbsthilfegruppe zusammengefunden, hier treffen sie Frauen, die wie sie sind. Frauen, die lange gebraucht haben, um an dem Punkt zu kommen, der steten Sucht nach Alkohol den Kampf anzusagen.

Eine heute 51-Jährige - wir nennen sie Birgit - hat zehn Jahre gebraucht, um sich frei zu machen - vom Alkohol, wie sie jeden Tag aufs Neue hofft, und von ihrem Mann, der noch heute trinkt."Ich habe getrunken, um einfach nur die Tage zu ertragen", erzählt Birgit. Es begann, als ihr Mann seinen Job verlor. Anfangs griff sie nur an den Wochenenden zur Flasche, dann auch in der Woche. 2000 war das. 2004 dann die erste Therapie. Die guten Vorsätze hielten nicht lange, dann siegte der Alkohol, siegte auch ihr Mann, von dem sie sich mehrfach trennte, zu dem sie aber auch mehr als nur einmal zurückkehrte. "Ich kam nicht los, ich hatte Angst vor meiner eigenen Courage, davor allein zu sein und trank", weiß Birgit heute, da sie in einer neuen Beziehung lebt, einen Mann an ihrer Seite hat, der ihr Vorleben kennt und ihr beisteht. Sie hat nicht vergessen, wie schwer die letzten Jahre waren, erinnert sich noch gut an die Zeit um 2005/06, als sie sechs Entzüge machte, daran, wie sie einmal schon auf dem Weg von der Reha nach hause "abstürzte" und mit 4,8 Promille auf dem Schweriner Dreesch an der Straßenbahnhaltestelle saß und nach ihrer Mutter weinte. Sie war voller Angst und Depressionen, wusste keinen Ausweg. Auch nicht, als der Alkohol sie ihren Job kostete. "Heute kann ich meinen Chef verstehen, ich bin ja manchmal schon betrunken zur Arbeit gekommen", sagt sie. Damals war sie fertig, komplett am Boden, versuchte sich mit Kurzeitjobs über Wasser zu halten, und fand endlich den Weg in die Suchtberatungsstelle. "Hier", sagt sie, "kann ich ganz offen reden, hier versteht man mich."

Marion geht es ähnlich. Über heimliches Trinken "habe ich mich in die Abhängigkeit gesoffen", erzählt sie. Als ihr Mann starb, sie mit ihrer Tochter allein war, begann der Leidensweg. Als dann auch Freunde weg waren, sie von Kollegen auf der Arbeit gemoppt wurde, wurde es schlimmer. "Es war einfach niemandda, der mir half. Ich war so enttäuscht und habe getrunken, immer mehr und irgendwann auch nicht mehr heimlich." Jahre ist das her. Jahre mit etlichen Entzügen und dem täglichen Kampf gegen den Alkohol. Marion gibt die Hoffnung nicht auf, dass sie den gewinnen wird. Aber es ist schwer. "In den letzten Jahren", sagt sie, "hatte ich sehr viele Rückfälle, habe wieder gesoffen, manchmal stand die Flasche nachts schon neben dem Bett." Das ist ehrlich. Und keine der Frauen in ihrer Gruppe ist schockiert. Auch sie haben hier schon Dinge "gebeichtet", die sie anderswo nie erzählen würden. "Erkläre einem Nichttrinker wie ein Alkoholiker tickt", sagt Marion, "das ist unmöglich. Er würde es nicht verstehen." Vielleicht auch nicht, dass der Alkohol eines auch nach jahrelangem Missbrauch nicht geschafft hat, "mir mein schlechtes Gewissen gegenüber meinen Lieben zu nehmen."

Jutta, die seit einigen Wochen in der Altersteilzeit ist, ist die "Gruppenjüngste". Erst vor einem Monat gesellte sie sich hinzu, nach jahrelangem heimlichen Trinken - bei Problemen. Immer die Angst vor Entdeckung. Entwöhnung und Reha in Lübstorf folgten, wie auch Seminare zur Depressionsbewältigung, als ihr Mann und ihre Kinder sie zu der Einsicht brachten, ihrem Leben endlich eine Wende zu geben. Es war spät, für ihre Ehe aber noch nicht zu spät, hofft Jutta. "Ich habe mir ein Ziel gesetzt", sagt sie. "Ich möchte meinen Mann nicht verlieren." Ein derber Anstoß von außen ließ Jutta zunächst den Glauben in ihre Kollegen verlieren. Denen war ihr Drang zum Alkohol nicht entgangen. Da ist sich Jutta sicher. Ob sie sie auffliegen lassen wollten? Sie weiß es nicht. "Aber ich hätte mir gewünscht, dass sie das Gespräch mit mir gesucht und mir die Konsequenzen meines Verhaltens aufgezeigt hätten", sagt sie. "Stattdessen haben sie haben mich angezeigt, ich bin in eine Alkoholkontrolle gekommen und dann war der Führerschein weg." Ihre maßlose Enttäuschung ist mittlerweile der Einsicht wichen, "dass ich diesen Schuss vor den Bug wohl auch gebraucht habe."

Familie, Freunde, der "Anschiss" von Kollegen, der vielleicht viel mehr von der Ratlosigkeit Außenstehender offenbart, als Betroffene im ersten Augenblick vermuten - die Initialzündungen, in die Beratungsstelle zu gehen, sind unterschiedlich. Wie die Wege, die die Frauen in die Sucht führen. Die meisten von ihnen greifen zur Flasche, wenn die Kinder aus dem Haus sind, die Mutter-Aufgabe in der Familie wegfällt… Nicht alle können das kompensieren: Von den 650 Klienten, die allein die Diakonie in Parchim jährlich zählt, sind 20 Prozent Frauen. Frauen wie Ines, Birgit und Jutta. In ihre Gruppe kommen sie, um Kraft zu schöpfen. Kraft, die ihnen den Mut gibt, nicht rückfällig zu werden, sagt Jutta Scharf, die Leiterin der Suchthilfezentrums. Hier können sie über ihre Probleme und Ängste reden, darüber, wie sie tagtäglich gegen den Drang ankämpfen, wieder zur Flasche zu greifen. Bei Frauen, weiß Jutta Scharf aus jahrelanger Tätigkeit, ist die Gemeinschaft wichtig, denn Trinken macht einsam. Und die Gemeinschaft ist wichtig, weil trinkende Frauen anderes als trinkende Männer oft stigmatisiert und in der Gesellschaft abgewertet werden.

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