zur Navigation springen
Parchimer Zeitung

24. Oktober 2017 | 11:43 Uhr

Ausstellung : Welch eine Verschwendung

vom
Aus der Redaktion der Parchimer Zeitung

Im Kulturhaus Mestlin denken 21 Künstler in einer hintersinnigen und humorvollen Ausstellung über ein uraltes Menschheitsthema nach

von
erstellt am 21.Mai.2016 | 08:00 Uhr

Verschwenden wir uns gleich zu Beginn. Und zwar in dem Medium, das im Folgenden über diese Ausstellung mit dem Titel „Verschwendung“ berichten wird – der Zeitung. Die Jahresauflage einer norddeutschen Tageszeitung ergießt sich in der Installation „Das große Schmökern“ der Künstlergruppe FG Kunst aus einem Briefkasten wie der süße Brei. Verschwendung von Ressourcen in einer digitalen Welt? Oder, wie die Künstler fragen: kuscheliges analoges Zeitungslesen mit all den Geräuschen und Gerüchen, der Druckerschwärze und den nicht zu unterschätzenden sozialen Aspekten?

So nachdenklich und humorvoll und verschwenderisch hintersinnig kommen viele der Arbeiten der 21 Künstler – die meisten aus MV – daher, die Kurator Andre van Uehm zur sechsten „Kunstlandschaft“ im Kulturhaus Mestlin versammelt hat. Während es im vergangenen Jahr unter dem Titel „Das Gute und das Böse“ um ästhetische Standpunkte zur Nachhaltigkeit ging, fragt die Ausstellung diesmal nach dem Verschwenderischen, einem uralten Menschheitsthema. Wobei sich auch hier immer die Frage nach gut und böse stellt.

Ist der fast kindlich anmutende, riesige Bleistiftmond von Franziska Hesse verschwendete künstlerische Arbeit? Und die knallbunten Ölpastelle von Susanne Möhring, in denen sich ein Überfluss an Farben, Symbolen, Ideen zu Abstraktem schichtet? Matthias Langers großformatige Fotografien von üppigen Festtafeln in verschiedenen Aggregatzuständen des Schmausens laden zum Sinnieren, Träumen und Erzählen ein. Mit dem unscharfen Begriff der Zeitverschwendung spielt Silke Meyer, wenn sie auf eine alte Sackwaage ein Sägeblatt montiert, das sich mit Tick-Tack-Geräuschen als Uhr entpuppt.

Grit Sauerborn schürfte in ihrem Atelier und fand Schätze wie alte Acryl-Töpfe und Skizzen – scheinbar Abfall, in ihrer Installation zu neuer Kunst erwacht. Renate Schürmeyer befreite in genau 48,5 Stunden Erdnüsse aus ihren Schalen, leimte sie wieder zusammen und vergoldete sie. „Wie viel Lebenszeit verschwenden wir, um Güter zu erwerben, die wir eigentlich nicht brauchen?“, fragt sie. „Oder ist alles eh nur peanuts?“

Wolf Spillner, der in gut einer Woche 80 Jahre alt wird, zeigt großformatige Fotografien von Schwänen und Kranichen. Wie schön, mag man im ersten Moment denken. Doch vor 50 Jahren galten einheimische Höckerschwäne als bedroht. Erst die Verschwendung unserer Kulturlandschaften an Monokulturen aus Raps und Mais sicherte Schwänen und ehemals bedrohten Kranichen das Überleben in unseren Breiten.

Weil diese inspirierende Ausstellung so verschwenderisch mit Techniken und Ideen spielt – natürlich kam auch viel Plaste und Plastik zum Einsatz – können wir dem nur bescheiden Auswahl entgegensetzen. Als besonders berührend bleiben dennoch die Arbeiten von Krys Robertson in Erinnerung, die 2014 ihren Mann bei einem Unfall verlor. Ihre Bilder erzählen von dem, was übrigbleibt, von der „Essenz der Verschwendung“ im „ungewollten Verschwinden“.

Zum Schluss noch ein letztes Beispiel zum Thema: Das Kulturhaus Mestlin gehört zu den 40 national wertvollen Kulturgütern, die in diesem Jahr, wie gerade bekannt wurde, mit einem Zuschuss aus der Staatskasse von Kulturstaatsministerin Monika Grütters rechnen dürfen. Welch schöne Verschwendung! 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen