Geschäftsbetrieb im Kindersanatorium "Markower Mühle" ruht : Was wird aus Grieses Vermächtnis?

<fettakgl>Das rund 55 Jahre</fettakgl> als Kindersanatorium genutzte Griese-Haus steht seit Wochen leer.<fotos>Wolfried Pätzold</fotos>
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Das rund 55 Jahre als Kindersanatorium genutzte Griese-Haus steht seit Wochen leer.Wolfried Pätzold

Da, wo seit Jahrzehnten fröhliches Kinderlachen zu hören war, herrscht seit Wochen absolute Stille. Das reizvolle Areal an der Markower Mühle scheint unter einer Schneedecke in den Dauer-Winterschlaf gefallen zu sein.

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25. Januar 2013, 07:28 Uhr

Parchim | Da, wo seit Jahrzehnten täglich fröhliches Kinderlachen zu hören war, herrscht seit Wochen absolute Stille. Das reizvolle Areal an der Markower Mühle mit einem stilvollen Reetdachhaus, Nebengebäuden aus neueren Zeiten und einem weitläufigen Spielplatz scheint unter einer Schneedecke in den Dauer-Winterschlaf gefallen zu sein.

"Die Inhaber des Kindersanatoriums haben den Geschäftsbetrieb eingestellt", sagt der Erste Stadtrat Detlev Hestermann. Im Vorjahr waren hier gleichzeitig noch bis zu 40 kleine Patienten aus allen Teilen Deutschlands für mehrere Wochen zu Gast, um unter fachlicher Anleitung abzuspecken. Mehr als 80 Prozent der jährlich rund 200 jungen Patienten, die von den Krankenkassen nach Parchim geschickt wurden, litten an Adipositas, einem krankhaften Übergewicht. Doch immer weniger Kinder bekamen den Kuraufenthalt umstandslos bezahlt, war aus Betreiberkreisen zu erfahren. Die Betreiber, die das frühere FDGB-Kinderkurheim nach der Wende privat weitergeführt hatten, wollten mit verändertem Konzept darauf reagieren und lokale Akteure ins Boot holen. Dann tauchten vor etwa zwei Jahren nachträglich formale Probleme mit dem um die Jahrtausendwende abgeschlossenen Erbbaupachtvertrag auf. Das führte zu Unstimmigkeiten mit der Stadt, so die Betreiber. Sie wären bereit gewesen, den Vertrag neu aufzusetzen und weiterzumachen, darum ruhe der Betrieb auch nur. Das scheiterte bis heute.

"Es ist schade, dass Parchim damit erneut eine überregional bekannte und geschätzte Einrichtung verliert", meint Detlev Hestermann. Als Chef des Fachbereiches Recht liegt die Zukunft der Markower Mühle nun auch auf seinem Schreibtisch. Der Stadt Parchim gehört die Markower Mühle seit 1975. Mit dem Erbbaupachtvertrag konnten die Betreiber des Kindersanatoriums auf dem der Stadt weiter gehörenden Grundstück investieren. Das macht die nun aus der Stadt fällige Rückabwicklung des Erbbaupachtvertrages nicht einfacher.

Die Geschichte der Markower Mühle ist eng mit dem früheren Besitzer des fast 28 000 Quadratmeter großen Areals am Mühlenteich verbunden. Das reetgedeckte Haupthaus ließ sich Friedrich Griese (1890 - 1975) - in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bedeutendster Schriftsteller Mecklenburgs - auf dem einstigen Mühlengelände am Parchimer Stadtrand bauen. Der Sohn eines verarmten Bauern war zunächst als Volksschullehrer u.a. in Stralendorf tätig. Seit 1921 veröffentlichte Griese mehr als 50 Buchtitel, die in viele Sprachen übersetzt worden sind. Der Heimatdichter verstand sich selbst als "unpolitischer Autor", bekam andererseits nach 1933 mehr Preise als jeder anderer Schriftsteller im Dritten Reich. Friedrich Hildebrandt, Gauleiter der mecklenburgischen Landesregierung , veranlasste 1935 persönlich die Schenkung der Markower Mühle an Friedrich Griese. Der ließ die Reste der alten Gebäude abreißen und errichtete sein "Rethus". Nach 1945 wurde Griese die Markower Mühle zunächst entzogen und 1954 offiziell rückübertragen. Bis heute konnten Historiker die Hintergründe dieser unüblichen Entscheidung nicht schlüssig aufklären.

Friedrich Griese siedelte im Juli 1947 nach Velgen im Kreis Uelzen über und war 1960 Gründungspräsident der Fritz-Reuter-Gesellschaft in Lübeck. In Parchim hält der Heimatbund die Erinnerung an den Schriftsteller wach und hat bereits mehrere Griese-Tage organisiert. Im Alltag spielte der berühmte Sohn der Stadt nur noch als Namenspate für das Kindersanatorium eine Rolle.

Griese hat kurz vor seinem Tod im Jahre 1975 der Stadt Parchim die Markower Mühle geschenkt und dies mit dem Vermächtnis verknüpft, dass sein Haus den Namen "Kinderheim Friedrich Griese" tragen soll. An den Rat des Bezirkes Schwerin schrieb er: "Ich möchte, dass mein Name und der meiner Familie mit unserer Stadt Parchim verbunden bleibt. Einrichtungen des Staates oder der Gemeinde haben oft ein längeres Leben als Bücher." Seit 1947 nutzte bereits der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB) die Markower Mühle als Kinderkurheim. Erst 1990, nach der Privatisierung, bekam es offiziell den Namen des Dichters.

Was wird nun aus Grieses Vermächtnis? Der Betrieb der Kureinrichtung ruht wegen der Unstimmigkeiten und die Zukunft der Markower Mühle scheint ungewiss. Doch eine andere Nutzung dürfte schwierig werden. "Dafür müsste wahrscheinlich ein B-Plan aufgestellt werden", gibt der Erste Stadtrat zu bedenken.

Im Internet lebt die Markower Mühle weiter. Auf der hauseigenen Homepage gibt es dort bislang keinen Hinweis auf die Schließung - die Betreiber hoffen vielleicht noch auf ein gutes Ende. Die User finden im Internet auch ein umfangreiches Expose´ der weltweit agierenden Immobilienfirma Remax. Für das Hauptgebäude mit einer Nutzfläche von rund 860 Quadratmetern, Nebengebäuden mit Sauna, Club- und Sportraum sowie eigenem Badestrand am Mühlenteich wird Interessent gesucht. "Nutzen Sie Ihre Chance, um Ihr Nutzungskonzept in dieser einmaligen Alleinlage direkt am Mühlenteich umzusetzen", heißt es in dem Maklerangebot.

Die Markower Mühle ist derzeit nicht das einzige Problemobjekt der Stadt Parchim am nahen Wockersee. Dort gibt es auch (noch) die Sportschule des Landesfußballverbandes, die schon zum Jahreswechsel geschlossen werden sollte (wir berichteten). Die Gnadenfrist ist bis zum Herbst verlängert. "Wenn das Gebäude nicht mehr für den Sport genutzt wird, fällt es laut Vertrag an uns zurück", sagt Detlev Hestermann. Die spätere Nutzung ist auch hier völlig offen. Bleibt zu hoffen, dass die Kreisstadt nicht zwei weitere Leuchttürme auf Dauer verliert.

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