Wie Politik vor Ort funktioniert : Was treibt der eigentlich?

Stellvertretend für die 71 Landtagsabgeordneten begleiten wir Christian Brade

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06. März 2018, 21:00 Uhr

Im Bürgerbüro von Christian Brade ist Martin Schulz noch immer der oberste Genosse. Auf dem Schrank liegt offensichtlich platziert ein Heft, bedruckt mit dem Gesicht des einstigen Vorsitzenden und Heilsbringers der Sozialdemokraten, bedruckt mit den Worten „Der Zehn-Punkte-Plan für Deutschland“. Später, im Gespräch, wird der SPD-Landtagsabgeordnete Brade den Namen Schulz nicht einmal in den Mund nehmen. Er sagt nur: „Eine niedrige Halbwertszeit in der Politik hat derjenige, der sich nicht an seine Versprechen hält“.

Das hier ist ein Versuch. Von dem weder der Autor noch Christian Brade selbst wissen, wie er funktionieren wird. Ob er funktionieren wird. Brade hat zugestimmt, sich auf unbestimmte Zeit begleiten und beobachten zu lassen. Bei Terminen im Schweriner Landtag, beim Rosenverteilen am Frauentag, bei der telefonischen Bürgersprechstunde. Kurz: bei der täglichen Arbeit eines Landtagsabgeordneten. Was bedeutet Politik auf unterer Ebene, in einer Zeit, in der immer mehr Menschen sich von ihr abwenden, resignieren, ihr Kreuz rechts setzen, ganz gleich ob aus Verdruss oder Überzeugung? An ihm könne man das gut erzählen, sagt er. Brade sieht sich als einen der „einfachsten Abgeordneten“ in Schwerin. Posten und Pöstchen, so formuliert er es, seien ihm fremd.

Den ersten Kontakt gab es Ende Januar. Ein purer Zufall. Wegen eines Arbeitsplatzwechsels von Schwerin nach Lübz führte mich der Weg vom Parkplatz in die Redaktion und zurück jedes Mal direkt vorbei an Brades Bürgerbüro. Licht brannte quasi nie. Ob nun morgens um 9 Uhr oder nachmittags um 17 Uhr. Mit jedem Vorbeigehen, mit jedem nicht brennenden Licht, wurde die Frage größer: Was treibt er, der Abgeordnete, eigentlich den ganzen Tag? Der Dialog zu den Bürgern, die ihn im September 2016 in Lübz und Umgebung direkt in den Landtag gewählt haben, schien es nicht zu sein, jedenfalls nicht in seinem Bürgerbüro. Gerade einmal sechs Stunden vergingen nach meiner E-Mail, in der ich vorgefühlt hatte, ob das ginge: durch Brade ein Röntgenbild der Landespolitik zu erhalten. Er und seine Mitarbeiterin Anja Pinnau luden zum Kennenlerngespräch.

Die Beine überschlagen, den Blick auf das Handy gerichtet, lehnt Christian Brade in dem roten Sessel seines Bürgerbüros, ein schlauchartiger Raum, rudimentär eingerichtet, ein paar Sitzmöglichkeiten, Schränke und eine kleine Küche. Es könne gleich losgehen, sagt Brade, er müsse noch kurz Termine mit seiner Mitarbeiterin Anja Pinnau abstimmen. Sie sitzt ihm gegenüber am Schreibtisch, vor ihr der Laptop. „Wie sieht es an dem Tag aus?“ – „Willst du diesen Empfang im Juni machen?“ Brade wischt mit dem Finger über den Display, meist stimmt er zu. Absagen würde er nur, wenn die Schnittchen wichtiger seien als die Inhalte. Er lacht.

Brade trägt eher unüblich für einen Politiker die BWL-Uniform: Jeans und über dem Hemd einen Pullover. Er ist neben seiner Arbeit als Abgeordneter auch Geschäftsführer, eine Firma für Büromaschinen in Plate. Gegenüber der „Schweriner Volkszeitung“ hatte er einmal gesagt, er habe sich für den Landtag aufstellen lassen, weil es dem Parlament an wahrem Unternehmergeist fehle. Oft gebraucht er das Wort „Effizienz“, diese Wirtschaftsvokabel für das Sparen von Zeit. Wenn sich im Landtag zu einem Thema die Reden gleichen, sich die Argumente nach Stunden der Debatte zwangsläufig wiederholen, dann schalte er des Öfteren auch mal ab, sagt er. Einmal gehört und er hätte es sofort abgespeichert. Effizienz. Oder er fährt zwischen zwei Terminen mit dem Fahrrad eine Stunde lang umher, damit er es abends nicht machen muss und den Kopf frei bekommt. Zum Leidwesen seiner Mitarbeiterin Anja Pinnau, die seufzt, als er davon erzählt. Effizienz.

Nach gut einer Stunde und einer großen Tasse Kaffee sagen wir uns, dass wir es probieren wollen. Ich? Will versuchen, die Landespolitik greifbar zu machen. Und Brade? Der sähe es mit der Zeit und den Zeilen gern, dass die Politik und mit ihr die Themen nichts sind, was man sich bei einem Latte Macchiato im Prenzlauer Berg ausdenken kann.

Wir werden sehen.

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