Parchim : Wall bot einst Schutz vor Bomben

Treppe an den Parchimer Wallanlagen. Unten, vom Park aus, gab es während des Zweiten Weltkrieges den Zugang zu zwei Röhren unter der Straße, die als Luftschutzbunker dienten.
1 von 2
Treppe an den Parchimer Wallanlagen. Unten, vom Park aus, gab es während des Zweiten Weltkrieges den Zugang zu zwei Röhren unter der Straße, die als Luftschutzbunker dienten.

Mitten in der Kreisstadt befanden sich einst Luftschutzstollen. Gisela Mußmann erinnert sich an Angriffe auf Parchim.

von
19. August 2016, 05:00 Uhr

Dieser Platz geht Gisela Mußmann (80) aus Friedrichsruhe nicht aus dem Gedächtnis: In den Parchimer Wallanlagen hatte sie am Ende des Zweiten Weltkrieges als neunjähriges Mädchen bei Fliegeralarm Schutz gesucht. Hier befanden sich zwei Luftschutzstollen. Vor jedem Eingang stand ein Mann, weiß die 80-Jährige noch heute. Der Posten ließ nur so viele Menschen hinein, wie Sitzplätze waren. Es war also höchste Eile angesagt, wenn die Warnsirenen ertönten. Nach einem Bericht in unserer Zeitung über geplante Arbeiten in dem Areal hatte sich Gisela Mußmann an die SVZ gewandt. Sie fragte: Ist noch etwas übrig vom Bunker?


Stollen sorgten für Einsturz der Straße


Nein, sagt Frank Schmidt, Parchims Vizebürgermeister. Es gab in der Nähe des früheren Offizierscasinos, später Haus der Pioniere und heute DRK-Gebäude, zwei Stollen unter der Straße. Sie waren von Seite der Wallanlagen zugänglich, ihr Eingang wurde verschlossen und die Bunker gerieten in Vergessenheit. Bis in die 90er-Jahre, als die Straße darüber bei Bauarbeiten absackte. Das hatte für großes Aufsehen gesorgt. Die Stollen wurden daraufhin verfüllt.

Manche Parchimer erzählen, dass die Nähe des früheren Offizierscasinos Grund für die Anlage der Stollen war. Andere berichten, dass hier Zivilisten aus der Nachbarschaft bei Fliegeralarm Schutz suchten. Stadtführer Wolfgang Westphal kennt Berichte, wonach Anwohner aus der Alten Mauerstraße bei Bombenalarm hierher kamen, weil ihre Häuser keine Keller hatten.


Flugplatz war Hauptziel der Bomber


Gisela Mußmann hatte die Schutzräume kennengelernt, nachdem sie mit Mutter und Geschwistern aus Hinterpommern geflüchtet war. In Parchim bewohnte die Familie zeitweise ein Zimmer in der Buchholzallee 5. Sehr oft habe sie Luftangriffe erlebt, erzählt die 80-Jährige. Das Ziel der Angriffe war der Flugplatz. Die letzte Bombe auf Parchim schlug aber ganz in der Nähe ihres Zuhauses in ein Gebäude ein. Der Druck verursachte bei ihrem gerade neu geborenen jüngsten Geschwisterkind eine Hirnblutung, an der das Baby starb.

Hinter der Familie lag zu diesem Zeitpunkt bereits eine Odyssee. Anfang März musste die hochschwangere Mutter mit sechs Kindern aus ihrer Heimat fliehen. Der Vater war im Krieg, die älteste Schwester als Helferin auf einem Flugplatz eingezogen. Der älteste Bruder (17) sollte bleiben, um die Stadt zu verteidigen.

Zunächst ging es im Viehwagen mit einem Zug Richtung Kolberg. Die Dampflok stoppte auf der Strecke, da die Kohlen ausgingen. Die Flüchteten marschierten zu Fuß weiter Richtung Stadt an der Küste. „Es war so ein kalter Winter“, erinnert sich die damals neunjährige Gisela. Ein Spielzeug durfte jedes der Kinder mitnehmen, doch das wurde mit der Zeit zu schwer. Ein Wäschekorb mit Babysachen sollte aber auf dem beschwerlichen Fußweg nicht verloren gehen, schärfte die Mutter den Kindern ein: Sonst ist das Baby nackt. Von der einen Seite schossen die Russen, von der anderen die Deutschen. Auf einem Begleitboot Richtung Swinemünde gebar die Mutter ihr Baby. Die Familie rollte in einen Sanitätszug Richtung Parchim, hier kamen Mutter und Baby am 11. März 1945 zunächst in ein Lazarett. Die älteste Schwester (15) übernahm für die jüngeren Geschwister die Verantwortung. Dann fanden die Kinder zeitweise Schutz in einem Heim in der Gartenstraße.


Neue Heimat in Friedrichsruhe


Nach Kriegsende hieß die Order für die Familie zunächst: Zurück in die alte Heimat. Der Mutter blieb keine andere Wahl, als sich erneut mit den Kindern in einen Zug zu setzen. Denn in Parchim sollte sie keine Lebensmittelmarken mehr bekommen. Auf dem Weg, in Stettin mussten alle erneut umkehren. Es hieß: Der Pole lasse keinen mehr rein, erinnert sich Gisela Mußmann.

Zurück in Parchim ergriff Mutter Marie Viek eine Gelegenheit, mit den Kindern nach Friedrichsruhe zu ziehen. Sie hoffte, sie hier besser versorgen zu können. Hier stieß auch der aus dem Krieg heimkehrende Vater Paul auf seine Familie. Als er ordnungsgemäß nach Parchim fuhr, um sich zurückzumelden, kam er nicht wieder. Man hatte ihn nach Russland verfrachtet – zum Wiederaufbau. Erst 1948 kam er zurück. In Friedrichsruhe fand die Familie aber ihre neue Heimat. Gisela Mußmann ist traurig, dass inzwischen alle ihre Geschwister aus dem Leben geschieden sind. Sie ist ihren längst verstorbenen Eltern sehr dankbar. Ihnen war es wichtig, dass alle Kinder einen Beruf erlernten.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen