Mestlin : Von außen auf die Welt geschaut

Wenzel begleitete sich auf dem Klavier, der Gitarre, dem Akkordeon
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Wenzel begleitete sich auf dem Klavier, der Gitarre, dem Akkordeon

Der beliebte Liederdichter und Musiker Hans-Eckardt Wenzel gab im Mestliner Kulturhaus ein ungewöhnlich gut besuchtes Konzert

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18. September 2017, 21:00 Uhr

Volles Haus, der Marx-Engels-Platz besetzt von Autos, die aus allen Himmelsrichtungen angerollt sind. An der Kasse des Mestliner Kulturhauses werden die letzten Besucher freundlich darauf verwiesen, sich Stühle aus dem kleinen Saal mitzunehmen. Dann Auftritt Hans-Eckardt Wenzel, Jeanstyp, langhaarig, geboren 1955. Die Erwartung der vielen, die gekommen sind, wabert spürbar im Raum. Großer Applaus dann, als Claudia Stauß und Liedermacher Wenzel auf die eigens mit Theaterpaletten aufgebaute Bühne zusteuern.

Aber was ist denn dran an dem Mann im Ringelhemd, der offenbar schon zu DDR-Zeiten ein Begriff war, der nur im Nebensatz ironisch seine „frühe stalinistische Vergangenheit“ erwähnen muss und bereits Klatscher erntet? Damals, sagt er irgendwann, habe ihn das Kulturhaus nicht genommen. Ein Querdenker also, ein Freigeist, einer, wie sich zeigen wird, mit so offenem wie nachdenklichen Blick auf die Zeiten, intelligent, gebildet, phantasievoll, ein Clown und ein Ernster. Kurz: An diesem Künstler ist alles, vieles jedenfalls, dran. Und das Viele kommt meist lächelnd, augenzwinkernd rüber. Fein gesponnene Koketterie mit dem Publikum.

Wenzel begleitet sich auf dem Klavier, der Gitarre, dem Akkordeon. Er „kann“ seine Instrumente, schüttelt theatralische Akzente auch instrumental aus dem Handgelenk. „Ich hab sie ausgebeutet meine Zeit ... und habe mich verbrannt mit Haut und Haar“, singt er zu Beginn. In einem anderen Stück heißt es: „Für mich sind tausend Tode ausgedacht... .“ Da scheint ein bisschen weinerliche Vagantenromantik auf, der Widerspruch zwischen einem, der aus vollen Zügen leben - und natürlich trinken - will und den bösen Zwängen, die das Leben so bereithält, aber der Künstler ist viel zu intelligent, um das Genre nur auf einer Gefühlsebene durchzuspielen und bricht es humorvoll: „Gott strafe meine Feinde mit Hämorriden“.

Klar, dass die Satire in Wenzels Programm den Königsrang einnimmt. Der Liedermacher spießt auf, was gesellschaftlich oder politisch bis zur Absurdität aus dem Ruder läuft. „Die schwarze Null, wer ist das?“ fragt er. Das Lied „Santa Statistica“ erzählt eine ganze Reihe von Beispielen, wie statistisch gewonnene „Erkenntnisse“ die Realität unsinnig verkürzen: „Nur Zahlen zählen. Nur was sich zählen lässt, das ist auch wahr.“ Alles Dinge, an die wir uns längst gewöhnt haben, aber wenn Wenzel sie auf seine Art besingt, werden sie gruselig. So auch eine Art von Austausch des in Aufklärung und französischer Revolution aufgestellten Ideals der Gleichheit gegen eine allgemein grassierende Gleichmacherei. „Égalité“ sei längst zu „egal“ geworden. Alles wird gleicher, wie schön: „Überall die gleiche Sch... .“

Wir hören aus Richtung Bühne, was wir uns längst schon gedacht haben, nur findet der Unmut hinter dem Klavier einen klaren Ausdruck. Der Künstler gewinnt aber auch deshalb die Zustimmung des Publikums, weil er menschlich und natürlich rüberkommt. Dazu gehört, dass Wenzel locker aus dem Augenblick heraus zu agieren scheint. Was unsere Entscheidungsträger oft genug vermissen lassen, die Wahrhaftigkeit, schwappt von den Paletten aus unaufdringlich, fein gestimmt in den Saal rüber. Das schafft dem Sänger gewaltige Sympathien.

Das Konzert geht über zwei Stunden, die Pause nicht mitgerechnet. „Dem macht es Spaß, seine Lieder zu singen“, sagt eine Zuhörerin und klatscht heftig, so wie übrigens der ganze Saal. Fünf Zugaben muss der Liedermacher der Begeisterung des Publikums zollen. Das sagt alles.

Monika Maria Degner







 

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