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Parchimer Zeitung

13. Dezember 2017 | 00:45 Uhr

Parchim : Vom Fluch der bösen Verhältnisse

vom
Aus der Redaktion der Parchimer Zeitung

Junges Staatstheater Parchim feiert Premiere von „Rattenklatschen”. Parchimer Schauspieler Martin Klinkenberg führt die Regie.

Er lügt, brüllt herum, beschimpft sie, trotzdem schafft die Lehrerin es nicht ins Freie, macht immer wieder in der Tür kehrt und die Psychokiste zwischen Pädagogin Saskia und Schüler Ben geht in die nächste Runde. Und umgekehrt: Er will gehen, aber die schwangere Lehrerin übergibt sich, fällt in Ohnmacht, ein anderes Mal blutet sie heftig aus der Nase, weil er sie körperlich attackiert hat, und auch Ben kann jetzt aus dem Klassenzimmer nicht entkommen. Zeigt die Lehrerin, dass es ihr schlecht geht, löst sie in ihm aus, was ihre Sprache und ihre Argumente nicht erreichen: Mitgefühl.

Ben ist der hartgesottene Junge aus dem Problemviertel, sie die Akademikerin, bürgerlich, darauf bedacht, ihren pädagogischen Auftrag zu erfüllen und dazu gehört eine gewisse professionelle Distanz. Sie ist die Lehrerin, nicht die Mutter. Sie ist auch nicht die Freundin, will und darf auf der sexuellen Ebene nicht „antworten”. Zudem ist sie verärgert, da Ben ihr eine halbtote Ratte aufs Pausenbrötchen gelegt hat. Provokation pur. Damit beginnt der Psychodialog in Schul-Echtzeit, wenn man so will, denn genau nach 45 Minuten Spielzeit schrillt auch die Schulglocke auf der Bühne. Bis zu diesem Zeitpunkt bereits hat das Publikum nahezu atemlos verfolgen können, wie Lehrerin Saskia einerseits die aggressiven Attacken des Schülers abwehrt, aber andererseits auch immer aufhorcht, wenn Ben sich plötzlich verbindlich zeigt, Nachhilfe bei ihr nehmen möchte oder behauptet, sie sei doch „in Ordnung”, gemessen an den anderen Lehrern der Schule. Seltsam unsicher reagiert sie schließlich auch auf Komplimente Bens, die ihre Weiblichkeit betreffen. Auf seine vertrackte, immer hochaffektive Art ist Ben in die Lehrerin verliebt, hat sie einmal sogar bis vor ihre Haustüre verfolgt, erfährt Saskia und vermutet sofort, dass er es war, der das Rad am Wagen ihrers Freundes gelockert hat, so dass er fast tödlich verunglückt wäre. Jetzt spitzt die Handlung sich noch einmal zu, nimmt bald darauf eine gefährliche Wendung.

Tödlich, weil ohne Aussicht auf eine positive Entwicklung, bildet sich in Esther Rölls Stück der Konflikt zwischen den beiden Welten ab, die Ben und Lehrerin Saskia jeweils bewohnen. Hat Ben den Freund der Lehrerin tatsächlich umbringen wollen – eindeutig wird dies im Stück nicht klar – , so hätte er „Rattenklatschen”, wie es seine Freunde und er regelmäßig betreiben, auf einen Menschen ausgeweitet. So wie die Autorin den sozialen Hintergrund des Jungen zeichnet, ist dies zumindest denkbar. Der „schlimme Vater”, wie Ben sagt, ist, bis er von der Bildfläche verschwindet, extrem gewalttätig, die Mutter wirft in hilfloser Wut eine Ratte, mit der das Kind sich identifiziert hat, in den Topf mit kochenden Nudeln und tötet sie. „Rattenklatschen”, und möglicherweise auch mehr, sind insofern zwanghafte Wiederholungen dessen, was das Kind erlebte: Mord an seiner Seele. Die Ratte zwischen den Brötchenhälften, sagt Ben irgendwann, „lebt, obwohl sie irgendwie tot ist.” Genau das ist seine Situation – und sie greift auf die andere, die heilere, die bürgerliche Welt über.

Der Parchimer Schauspieler Martin Klinkenberg hat mit der Inszenierung des Stücks für Jugendliche ein Regiedebut präsentiert, das man sich stimmiger kaum vorstellen kann. Er, der Schauspieler, der aber mit den Inszenierungen des Parchimer Theaterjugendclubs wahrscheinlich schon so manche Teststrecke bestritt, gab diesem Dialog der Turbulenzen, Brüche, Zwischentöne die Differenziertheit, die textlich angelegt ist, und gleichzeitig eine nachvollziehbare, eine klare Form. Lehrerin und Schüler sind immer eindeutig als Gegensatzpaar geführt. Auf dieser Folie bildet sich wiederum ihre gegenseitige Verstrickung ab. Die wechselseitigen Aggressionen, Annäherungen, die raffiniert kalkulierten Wechselbäder, die Ben seiner Lehrerin im ersten Teil des Stücks angedeihen lässt – alles ist psychologisch herausgearbeitet, was naturgemäß auch Verdienst der Darsteller Carolin Bauer und Julian Dietz ist. Die beiden Schauspieler zeigten ein spannendes, flüssiges Zusammenspiel mit hohem Tempo. Das Publikum in der Parchimer Theatergaststätte reagierte minutenlang mit intensivem Beifall.

Monika-Maria Degner

 

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