Parchim : Tierquäler: Anschläge hören nicht auf

<fettakgl>Rettung in letzter Sekunde: </fettakgl>Dieses Kätzchen war von einem Geschoss ins Auge getroffen und von den Tierfreunden am Lewitzrand gerettet worden.<foto>privat</foto>
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Rettung in letzter Sekunde: Dieses Kätzchen war von einem Geschoss ins Auge getroffen und von den Tierfreunden am Lewitzrand gerettet worden.privat

Metallschlingen, Schüsse, Rattengift: Immer wieder gibt es Übergriffe auf Katzen und Hunde in der Region Parchim. Die Polizei: Jeder Vorfall sollte zur Anzeige gebracht werden.

svz.de von
11. Januar 2013, 06:21 Uhr

Parchim | Schlingen, Schüsse, Rattengift - die Anschläge auf Tiere, vor allem Katzen, die zu einem Leben im Freien verdammt sind, sind so grausam, dass einem schlecht werden kann. Erst vor wenigen Tagen sorgte in Parchim ein neuer Fall für Aufsehen: Jemand hatte auf einem kontrollierten Futterplatz in der Ringstraße Rattengift ausgelegt (SVZ berichtete). Ein Zeuge beobachtete zufälligerweise die Tat und sorgte umgehend dafür, dass der Stoff so weit wie möglich eingesammelt wurde. Wahrscheinlich konnten damit mehrere Tiere vor einem qualvollen Ende bewahrt werden. Noch immer im Nacken sitzt Tierschützern ein Vorfall, der sich vor einem Jahr in Mestlin ereignete: Hier hatte jemand Schlingen ausgelegt. Zwei Tiere, die sich darin verfingen, konnten nicht mehr gerettet werden. Bevor der Tierarzt sie erlöste, müssen sie über Tage hinweg unsagbare Qualen erlitten haben, denn die Fangschnüre zogen sich immer enger um den Körper. Kaum glauben konnten es Anwohner in der Lewitzrandgemeinde, als plötzlich im Frühjahr 2012 zwei Katzen mit Schussverletzungen entdeckt wurden. Einem Tier musste ein Geschoss aus der Nasenwurzel entfernt werden, ein anderes Kätzchen - gerade mal zehn Wochen alt - war zweifelsohne durch einen gezielten Schuss im rechten Auge verletzt worden. Kinder hatten das abgemagerte und verstörte Tier, das inzwischen ein liebevolles Zuhause gefunden hat, zufälligerweise entdeckt.

Schlaflose Nächte haben seit dem Ende vergangenen Jahres die Betreiber der Tierauffangstationen in Friedrichsruhe und Mooster: Vier Hunde verendeten nach Anschlägen mit Rattengift auf die Einrichtungen, aller Wahrscheinlichkeit hinterhältig verpackt in Leckerlis. Hundehalter sind schon seit längerem vorgewarnt: Eine Wismaranerin stellte in den zurückliegenden Monaten zweimal bei ihrem Mischlingshund starke Vergiftungserscheinungen fest, in einem Fall erbrach das Tier sogar Blut - die Wirkung von Rattengift, vermutlich von jemandem gezielt dort ausgelegt, wo Hunde Gassi gehen. Das Tier brauchte lange Zeit, bis es wieder richtig auf dem Damm war.

Eineinhalb Jahre litten auch die beiden Stubentiger einer Parchimer Familie massiv an den Spätfolgen zuvor erlittener Vergiftungen. Die heute über zehn Jahre alte, kastrierte Katze und ihr Nachkömmling, ein Kater, kamen im Frühjahr 2011 mit Rattengift in Berührung - beim Freigang, bei dem die Stubentiger naturgemäß das Mausen nicht lassen können und auch nicht sollen. Hat doch die Natur den Katzen die Aufgabe zugedacht, das Umfeld von Menschen von Schädlingen zu bereinigen. Doch gerade der Mensch begünstigt die Population, indem zum Beispiel regelmäßig Speiseabfälle auf unverschlossenen Kompostern landen und damit zum bequemen Futterplatz für Schadnager, wie Mäuse und Ratten, werden. Der Parchimer ist sich sicher, dass der Rattengiftanschlag vorsätzlich Katzen galt, die die volle Dosis des todbringenden Mittels mit den bereits vergifteten Mäusen aufnahmen. Gab es doch bereits im Vorfeld eindeutige Signale von Nachbarn, dass Samtpfoten in der gepflegten Wohngegend, in der jeder weiß, welches Tier zu welcher Familie gehört, als unerwünscht gelten. Bis zum Ausbruch der Erkrankung vergingen ca. drei Wochen: Dem Kater ging es bereits so schlecht, dass er sich zum Sterben bereit machte. Eine Intensivbehandlung mit täglich zwei Tierarztbesuchen rettete den Tieren schließlich das Leben. Über die "Riesenrechnung" denkt der Parchimer heute nicht mehr nach. Jeder Euro war es ihm wert, dass die beiden tierischen Familienmitglieder gerettet werden konnten.

Die geschilderten Vorfälle, die sich in Parchim und Umgebung zugetragen haben, sind bei der Polizei aktenkundig. Wer gegen das Tierschutzgesetz verstößt, macht sich strafbar. "Um solchen Leuten das Handwerk zu legen, brauchen wir mehrere Augen. Es ist kein Anschwärzen, wenn es um Straftaten geht", ruft Polizeisprecher Klaus Wiechmann zur Zivilcourage auf. Die Ermittlungen würden sich in solchen Fällen jedoch schwierig gestalten, da die Tat oftmals erst später ans Tageslicht kommt und dadurch auch eine Anzeige erst nach einigen Tagen oder Wochen erfolgen kann, gibt Wiechmann zu bedenken. Er begrüßt es, dass es in jüngerer Vergangenheit stärker gelungen sei, solche grausamen Vorfälle aus der Anonymität zu holen, damit die Dunkelziffer aufzuhellen und so auch in der Öffentlichkeit eine andere Wahrnehmung zu erreichen. Das sei insbesondere auch dem offensiven Wirken von Tierschützern zu verdanken: In Parchim gibt es seit vielen Jahren eine Tierschutzinitiative. Am Lewitzrand gründete sich Anfang ein 2011 ein Verein. Beide haben es sich zur Aufgabe gemacht, unfreiwillig zu einem Leben im Freien verurteilte Katzen an Futterplätzen zu binden, durch Kastration die unkontrollierte Vermehrung zu stoppen und damit den Bestand überschaubar zu halten. In Sternberg engagiert sich eine aktive Ortsgruppe des Güstrower Tierschutzvereins und in Plau gibt es eine Tierstation für Tiere in Not. Bei ihr "landete" vor einigen Wochen zum Beispiel folgender "Fall": Dort wurden einfach zwei Hunde über den Zaun gesetzt. Der Halter hat ihnen wochenlang kaum etwas zu fressen gegeben und sie völlig verwahrlosen lassen. Ein Tier befand sich bereits im kritischen Zustand. Inzwischen haben Fox und Dexter ein neues Zuhause gefunden, ebenso wie "Tobi", ein junger Huskyrüde, der ebenfalls kurz vor dem Hungertod stand. "Ich habe noch nie ein Tier gesehen, das innen und außen so stark mit Parasiten befallen war", ist Heidi Mescke heute noch fassungslos, wenn sie an Tobis Zustand zurückdenkt, als er damals in die Station kam. Es dauerte tagelang, bis seine Lebensgeister zurückkehrten. Ob die Katze, die kürzlich aufgenommen wurde, den Überlebenskampf gewinnt, ist noch fraglich: Das Tier war vor seiner Rettung nur noch Haut und Knochen und hat bereits schwere Nierenschäden davongetragen. Keine Chance hatte die Katze, die im vergangenen Jahr in einer verlassenen Wohnung in Plau entdeckt wurde: Da lag sie schon in den letzten Zügen.

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