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Parchimer Zeitung

16. Dezember 2017 | 16:01 Uhr

Mestlin : Theater ohne Grenzen

vom
Aus der Redaktion der Parchimer Zeitung

Akteure aus der Umgebung und ausländische Jugendliche proben das Stück „Bewegung“. Premiere ist am Sonnabend im Kulturhaus.

Sechs Kinder aus Mestlin, vier Jugendliche aus Mestlin und Umgebung und fünf ausländische Jugendliche proben gemeinsam ihr Stück „Bewegung“. Und Bewegung - und zwar im Kopf - ist auch nötig, um in dieser Inszenierung für das Theater Unterschiede zu überwinden, die so grundsätzlich sind, dass sie sich auf den ersten Blick schon erschließen: Es sind erstens die Altersunterschiede zwischen Grundschülern und den annähernd erwachsenen Spielern und es sind die unterschiedlichen ethnischen Wurzeln der Teilnehmer.

Sie kommen aus Deutschland und aus Afghanistan, Gambia, Guinea, Libyen und Somalia. Sprich, jeder der ausländischen Spieler stammt noch einmal aus einem anderen Herkunftsland. Alle sind geflüchtet und das, wie Regisseurin Susanne Reichhard bekräftigt, aus nachvollziehbarem Grund. Ins Detail will sie nicht gehen.

Geprobt wird seit Februar und das, ohne Halt in einem bestehenden Theaterstück zu suchen. Die „Szene“ ist völlig offen, die Spielenden entwickeln die Inhalte selbst und zwar genau zu den Themen, die ihre sind. Was sie, die Jugendlichen und Kinder, bewegt, soll auf die Bretter. Dieses Spielen ohne Geländer macht es schwieriger, vor allem für die Regisseurin, aber auch für ihr, wie sie sagt, „tolles Team“, Regieassistentin Catarina Mantwill und Mitarbeiterin Katrin Krause.

Peter Enterlein, zweiter Vorsitzender des Vereins Denkmal Kultur Mestlin, ist für Bühne und Technik verantwortlich.

„Am Anfang“, erzählt Susanne Reichhard, „habe ich mich mit den ausländischen Teilnehmern nur mit Händen und Füßen verständigen können.“ Ein weiteres gravierendes Problem. Wer die Probe allerdings derzeit beobachtet, stellt fest, dass die ausländischen Mitspieler mittlerweile Anweisungen der Regie verstehen, die nicht unkompliziert sind und ganz normal, also nicht in künstlichem Simpeldeutsch vorgetragen. Sie haben Spaß bei den Proben, erzählen sie, und sie lernen hier natürlich Deutsch. Auf die Scherzfrage nach ihren Lieblingswörtern in unserer Sprache, entsteht diese jugendtypisch-coole Sammlung: essen, schlafen, Sport, einkaufen. Und Julian, der junge Deutsche, sagt „Pause“.

„Wir müssen mal ein bisschen ordnen!“ Die Regisseurin gibt Anweisungen, spielt eine kurze Szene vor, indem sie stufenweise eine Leiter runterrutscht. In diesem Projekt hat sie nicht nur eine Inszenierung zu stemmen, wie im vergangenen Jahr die ausgezeichnete von Mrozeks „Tango“, sie muss auch Pädagogin sein. Lieb kann Reichhard sein, verständnisvoll, aber gibt sie Anweisungen, so ist ihnen zu folgen.

Und die gemischte Schauspielkumpanei folgt auch aufs Wort. Auf kindliche Weise quirlig sind naturgemäß noch die ganz Jungen. Hier sind gelegentlich Konflikte, die aus der Gruppendynamik entstehen, zu schlichten und Reichhard setzt Maßstäbe: „Denkt dran. Ihr sollt euch nicht gegenseitig wehtun.“

Um diesen Maßstab in seiner ethischen Dimension geht es denn auch. Aber man sollte den jeweils anderen auch verstehen können und um ihn zu verstehen, muss dieser über sich sprechen. „Teilt euch mit”, heißt daher die ungeschriebene Überschrift dieses Projekts, die Reichhard so formuliert hat: „Wenn du nichts von dir erzählst, kann ich nicht wissen, wer du bist.” Viele Szenen seien sehr berührend gespielt worden, berichtet die Regisseurin. Die deutschen Jugendlichen hätten sich eingelassen und die ausländischen von Anfang an keine Abwehrhaltung gezeigt. Nähe sei während der Proben entstanden. Ihr selbst merkt man jetzt, kurz vor der Premiere, die Anstrengung an, aber eben auch die Entschiedenheit, mit der sie in diesem Projekt steht.

Premiere ist am Samstag, den 26. August., um 19 Uhr im Großen Saal des Kulturhauses in Mestlin.

Monika-Maria-Degner


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