Parchim : Tage des Monster-Schildes gezählt

<fettakgl>Diese Tafel</fettakgl> mit Verkehrshinweisen sorgt für Ärger.<foto>Wolfried Pätzold</foto>
Diese Tafel mit Verkehrshinweisen sorgt für Ärger.Wolfried Pätzold

Die Bürger der Stadt Parchim sind genervt von einer hauswandhohen und fast einen Meter breiten Hinweistafel am Anfang der Blutstraße. Der Bürgermeister hat jetzt entschieden: Das Schild kommt wieder weg.

svz.de von
21. Juli 2012, 02:36 Uhr

Parchim | Braucht die Stadt neue Schilder? Wenn man die Parchimer danach fragt, reagieren sie seit einigen Tagen ziemlich genervt. "Wer hat sich das nur ausgedacht? Sind wir hier in Schildburghausen?", lautet die Gegenfrage. Gemeint ist damit vor allem eine hauswandhohe und fast einen Meter breite Hinweistafel am Anfang der Blutstraße, die auf den Eingang zur dort beginnenden Fußgängerzone hinweisen soll. Der aufmerksame Bürger erfährt auch, dass hier der verkehrsberuhigte Bereich der Langen Straße endet, der Lieferverkehr dreimal am Tag für jeweils zwei Stundden Zufahrt hat und auch für Radler freie Fahrt gilt. "Diese Hinweise sind verkehrsrechtlich unverzichtbar", meint Bürgermeister Bernd Rolly und hat dennoch entschieden: "Das Schild kommt wieder weg!".

Was ist da schief gelaufen? Mit der von den Stadtvertretern beschlossenen Probephase, die am 1. Januar aus Teilen des bisherigen Fußgängerbereiches in der Langen Straße eine verkehrsberuhigten Zone machte, musste zwingend auch eine entsprechende Beschilderung für jeden Verkehrsteilnehmer deutlich sichtbar her. Zunächst wurden die Ein- und Ausfahrten mit üblichen Verkehrsschildern vorübergehend gekennzeichnet. "Leider haben die Kraftfahrer und auch Radfahrer diese häufig ignoriert. Das scheint sich auch in Parchim immer mehr einzuschleichen", so der Bürgermeister. Im zuständigen Verkehrsamt der Stadt wurde derweilen hinter den Kulissen nach Lösungen gesucht. Lutz Jakobi hat die einschlägigen Kataloge nach passenden Verkehrszeichen durchsucht und entsprechende Schilder bestellt. Ganz nach dem Motto, wenn kleine Schilder ignoriert werden, müssen unübersehbar große Tafeln her, wurde diesmal nicht gekleckert, sondern geklotzt. "Fachlich ist das nicht zu beanstanden", gibt Bernd Rolly seinem Mitarbeiter Rückendeckung, "doch in diesem Fall müssen wir eingestehen, dass es so nicht bleiben kann".

Die Schilder, die zusammen mit dem Rahmen rund einen Meter in die Straße ragen, versperren nicht nur den mit speziellen Pflastersteinen gekennzeichneten Seitenstreifen, sondern vermiesen auch den Gästen des Café Scholz die Sicht. "Ich traute zunächst meinen Augen kaum. Am liebsten hätte ich den Mitarbeitern im Verkehrsamt eine ,Schildertorte’ gebacken, damit sie in sich gehen und einmal darüber nachdenken, was sie da verbockt haben", macht Inhaberin Gabriele Scholz ihrem Ärger Luft.

Auch wenn es logischerweise in einer Fußgängerzone auch keinen separaten Fußweg gibt, sind die Behinderungen durch das Monsterschild insbesondere während der Lieferzeiten für Familien mit Kinderwagen, Rollator- und Roll stuhlfahrer nicht zu unterschätzen.

Nachdem Bernd Rolly das Problem zur Chefsache gemacht hat, fiel auch umgehend eine Entscheidung: Die Aufsehen erregenden Schilder kommen ins Depot und werden durch deutlich kleinere Exemplare ersetzt, die dann auch nicht mehr auf einem separaten Ständer, sondern an der Hauswand montiert werden sollen. "Ich bin froh, dass die Hauseigentümer einen entsprechenden Vorschlag unterbreitet haben und bedauere sehr, dass wir nicht viel früher das Gespräch mit den Betroffenen gesucht haben", so Rolly. Erleichtert reagiert Gabriele Scholz: "Wenn es machbar ist, alle technischen Fragen geklärt sind und die Stadt uns entgegen kommt, freuen wir uns auf eine Lösung, die unseren Gästen und den Passanten nützt".

Bernd Rolly hofft nun, dass die Akzeptanz der Verkehrsteilnehmer seine Entscheidung rechtfertigt. "Täglich muss man leider beobachten, dass sowohl Autofahrer als auch Radler die Regeln nicht einhalten und damit andere gefährden". Da Sicherheit Priorität habe, seien auch die rund 10 000 Euro, die u.a. für die Beschilderung des verkehrsberuhigten Bereichs eingeplant sind, gut investiert.

Noch im August werden Mitarbeiter der Stadt in der Langen Straße Passanten befragen, wie sie die Situation nach der auf Wunsch der Geschäftsleute erfolgten Wiederbelebung des Verkehrs bewerten. Spannend bleibt die Auswertung der seit Monaten laufenden automatischen Verkehrszählung. Befürchtet wird, dass deutlich mehr Fahrzeuge als gedacht und vom Gesetzgeber erlaubt, die Straße als willkommene Abkürzung nutzen. Im Herbst ist eine weitere Zwischenauswertung geplant, bevor Ende 2013 die endgültige Entscheidung zur Zukunft der Langen Straße fällt.

Bürgermeister Bernd Rolly nutzt die Gelegenheit, um angesichts des Schulbeginns am 6. August an alle Kraftfahrer zu appellieren: "Aufgrund der Bauarbeiten ist die Situation vor allem Am Mönchhof angespannt. Hier könnte es gefährlich werden. Aufmerksamkeit und Rücksicht sind gefordert". Zusammen mit der Polizei wird es vor Ort regelmäßig Kontrollen geben.

Mit dem Monster-Schild wurde auch in Parchim die Diskussion zum Thema "Schilderwald" wieder belebt. "Die Zahl der Verkehrszeichen ist in der Tat gewachsen", räumt Bernd Rolly ein. Für ihn gebe es bislang keinen ausreichenden Beweis, dass die Lichtung des Schilderwaldes - wie beispielsweise von der Europäischen Union in sieben Gemeinden in Belgien, Dänemark, Deutschland, England und den Niederlanden initiiert - zu mehr Verkehrssicherheit geführt hat. "Darüber muss immer wieder nachgedacht werden, aber derzeit ist dies in Parchim kein ,heißes Thema’", sagt der Bürgermeister.

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