Spurensuche : Suche nach verschwundenem Dorf

Der Hamburger Archäologie-Student Tim Rensing mit dem „Geomagnetik-Modul“ in Aktion
Der Hamburger Archäologie-Student Tim Rensing mit dem „Geomagnetik-Modul“ in Aktion

Archäologiestudenten aus Hamburg mit geophysikalischen Methoden auf Spurensuche nach einem seit 550 Jahren verschollenen Dorf

svz.de von
28. November 2014, 14:38 Uhr

Ein Dorf in der Nähe von Karbow-Vietlübbe, es hieß Cesemowe, verschwand plötzlich um 1400. Jetzt haben sich Hamburger Archäologie-Studenten auf die Suche begeben und sind fündig geworden. Es scheint Hinweise auf menschliche Siedlungen zu geben.

Anno 1178 – fast hundert Jahre vor der Gründung Karbow-Vietlübbes – wird in überlieferten Urkunden erstmals der slawische Ort namens Cesemowe erwähnt. Kaum 250 Jahre darauf war es bereits wieder untergegangen und galt fortan als „Wüstung“. Speziell solche geheimnisvollen „weißen Flecke“ in der hiesigen Siedlungsgeschichte erforscht der Magister der Archäologie Rolf Schulze im Rahmen seiner angestrebten Promotion (Doktorarbeit).

Vage Strukturen auf Luftbildaufnahmen hatten den erfahrenen Ausgräber (siehe z.B. Festung Dömitz, Altstadt Hagenow) neugierig gemacht und Jahr für Jahr immer wieder zu kurzen Begutachtungen vor Ort geführt. Diese vielversprechenden Voruntersuchungen auch mit Unterstützung ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger im Bereich Karbow-Vietlübbe (SVZ berichtete Anfang des Jahres) veranlassten Professor Dr. Frank Nikulka vom Archäologischen Institut, Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie, nun zu studentischer Hilfestellung. Dies mit modernsten derzeit praktikablen Methoden der sogenannten Feldbegehung.

Der ehrenamtliche Vorstand der Archäologischen Gesellschaft MV war jüngst ohnehin mit Hamburger Studentengruppen im Südwesten Mecklenburgs unterwegs zu geophysikalischen Untersuchungen, die u.a. auch Luftbildhinweisen nachgingen und dabei in der Nähe von Groß Pankow sowie Nostorf bei Boizenburg tatsächlich auf mittelalterliche Siedlungsspuren bzw. Relikte von Burgen stießen.

In der Gemeinde Karbow-Vietlübbe indes nahmen sich fünf Hamburger Archäologiestudenten unter der wissenschaftlichen Beratung und Anleitung von Dr. Ines Klenner und Dr. Julian Subbert der von Rolf Schulze identifizierten Fläche an. Der hauptamtliche Mitarbeiter der Schweriner Landesarchäologie hatte sich für die Untersuchungen mit dem örtlichen Landwirt abgestimmt und ein Zeitfenster von drei Tagen vereinbart. Dass diese Tage ausgerechnet Regenwetter vorherrschte, konnte niemand ahnen, ebenso wenig den Totalausfall der mitgebrachten geodätischen Messstation, welcher schon beim genauen Festlegen des Prospektionsareals zu unfreiwilliger Handarbeit zwang.

Mühsam hatten die angehenden Archäologen am ersten Tag also per Hand und Maßband auf dem Stoppelacker etliche Quadrate mit 50 Metern Kantenlänge festgelegt. Ihr Pech war nur, dass der Bauer am frühen Morgen danach bereits mit Pflügen begann und einige dieser Markierungen schlicht übersah, weil eben auch Fluchtstangen fehlten. Vom ehrlichen Bedauern des aufgeschlossenen und interessierten Bauern versöhnt, wiederholten die Studenten also ihre Messungen per Hand und gingen dann mit Eifer an die eigentliche Untersuchung.

„Die dazu benutzte Vorrichtung mutet mit ihren großen Speichenrädern wohl archaisch an“, meint Archäologe Rolf Schulze. Dafür enthalte das „Geomagnetik-Modul“ aber empfindliche Elektronik mit fünf stabförmigen Sonden, welche kein störendes Metall (Eisen) dulden, erklärt er und zollt den Studierenden seinen Respekt, weil sie die 125 Zentimeter breite Gerätschaft wie einen Handkarren allein mit Muskelkraft Streifen für Streifen über das zu untersuchende Feld schoben.

Dass zu allem Überfluss im ersten Durchgang auch noch ein Spezialkabel kaputt ging und er notgedrungen persönlich eine Nachtfahrt nach Bad Saarow südöstlich von Berlin einschob, um den einzigen sofort verfügbaren Ersatz zu holen, erzählt Rolf Schulze mittlerweile nur noch als Anekdote. Denn das Auslesen sämtlicher Messergebnisse am folgenden Abend entschädigte nach seiner Überzeugung für alle Mühen voll und ganz.

Die präzisen Messungen feinster „Störungen“ im Erdmagnetfeld deuten nämlich auf „sehr gut erhaltene archäologische Befunde wie Siedlungsgruben und Befestigungsgräben im Boden“ hin. Möglicherweise wird so das Geheimnis um den vor mehr als 550 Jahren wüst gefallenen Ort Cesemowe und die spätere „Ortsverschiebung“ des Dorfes Vietlübbe endlich gelüftet. Die haupt- und ehrenamtlichen Archäologen der Region nebst ihren Helfern aus forschender Wissenschaft und Lehre bleiben dran.

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