Mestlin : Suche nach dem eigenen Ausdruck

Blick in die Exposition vor dem Hängen
Blick in die Exposition vor dem Hängen

Mestlin zeigt Kunst aus den letzten Jahren der DDR

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27. Juni 2020, 05:00 Uhr

Das Kulturhaus im ehemaligen DDR-Musterdorfs Mestlin dominiert bis heute die Ortsansicht. Das wuchtige Gebäude, unbürgerlich, aber auch ziemlich phantasielos in seiner Architektur ist Stein für Stein ein linientreuer Bau. Doch jetzt wird es der Präsentation künstlerischen Abweichens dienen. Die Verantwortlichen vom Verein Denkmal Kultur Mestlin haben in diesem Sinn die erste große Kunstpräsentation des Jahres in Stellung gebracht. Kurator ist Udo Rathke vom mecklenburgischen Künstlerhaus Schloss Plüschow. Die Ausstellung trägt den Titel: 1990. Systemunabhängige Kunstpositionen in den letzten Jahren der DDR.

„Es gibt keinen Ort, in dem sich diese Ausstellung besser zeigen ließe als im Mestliner Kulturhaus“, sagt Bildhauer Udo Rathke. So werde der Bruch, den die Kunst in der DDR seit den 1980er-Jahren Jahren vollzog, greifbar. Das Geschmäckle von Staatsräson scheint das mächtige Gebäude zwar jeder aktuellen Kunstausstellung beizutragen, aber die neue Ausstellung ist eine der historischen Gleichzeitigkeit von Ort und Werken, von Ideologie und abweichender Gesinnung, denn noch gab es den SED-Staat.

Der sozialistische Realismus war über Jahrzehnte die vom Staat verordnete Kunstdoktrin. „Aber in den Achtzigern nahm das kein Künstler mehr ernst“, sagt Rathke, Jahrgang 1955. Vielmehr begannen immer mehr Künstler in der DDR auf der Suche nach eigener Autonomie zunächst Versäumtes nachzuholen. Ähnlich wie der Nationalsozialismus durch Verordnung völkischer Kunst nach 1945 zumindest im Westen eine starke Nachbeschäftigung in Punkto Moderne nach sich zog, setzte sich laut Rathke in den 1980er-Jahren auch unter DDR-Künstlern eine starke Auseinandersetzung mit der Moderne, speziell mit dem Expressionismus durch.

Aus diesen Jahren stammt die Kunst, die vom heutigen Sonnabend an Besucher in das Kulturhaus locken soll. Nimmt der Besucher auch den Ort ins Bewusstsein hinein, dürfte es ein spannendes Erleben des Einerseits und Andererseits, von These und Antithese sein. In zehn Räumen des Kulturhauses werden Werkgruppen von zehn Künstlern gezeigt. Vier Räume dienen der Ausstrahlung von Videos wie dem theatralisch-surrealen der Gruppe „Auto Perforations Artistik“. Im verdunkelten Saal wird außerdem „Klangraum Independent Sound“ aus dem DDR-Underground zu hören sein. Heiteres wird diese Ausstellung eher nicht zu bieten haben, dafür Bedenkenswertes auch im historischen Kontext, wie die hermetischen Köpfe von Michael Wirkner, ausgerechnet „Kopflandschaften“ betitelt, oder seine schwarz überfluteten Hochformate. Ausstellungseröffnung ist am 27. Juni um 15 Uhr im Kulturhaus in Mestlin am Marx-Engels-Platz. Die Einführung wird der Kunsthistoriker Christoph Tannert aus Berlin geben.

Service

Die Schau

>1990 - Systemunabhängige Kunstpositionen in den letzten Jahren der DDR

>Beteiligte Künstler: Micha Brendel, Auto-Perforations-Artisten, Tina Bara, Jörg Herold, Uta Hünniger, York der Knoefel, Lücke-TPT, Oskar Manigk, Holger Stark, Michael Wirkner

> Eröffnung am Sonnabend,

27. Juni, um 15 Uhr

> Öffnungszeiten: 28. Juni bis

2. August, mittwochs bis sonntags jeweils von 11 bis 17 Uhr

> Kurator: Udo Rathke

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