Theater Parchim : „Such dir eine Grenzdebile!“

„Trennung für Feiglinge“ in der Regie von Katja Mickan, es spielen Anne Ebel (M.), Martin Klinkenberg (r.) und Nils Höddinghaus (l.).
„Trennung für Feiglinge“ in der Regie von Katja Mickan, es spielen Anne Ebel (M.), Martin Klinkenberg (r.) und Nils Höddinghaus (l.).

Die Komödie „Trennung für Feiglinge“ riss die Zuschauer des Mecklenburgischen Landestheaters zu Lachsalven und großem Beifall hin

svz.de von
21. September 2015, 12:00 Uhr

Was geschehen kann, wenn einer nicht die Wahrheit sagen, aber dennoch sein Ziel erreichen will, das führt die Boulevardkomödie „Trennung für Feiglinge“ in unermüdlich bis ins Irrwitzige sich steigernden Szenen vor Augen. Das Erfolgsstück des Franzosen Clément Michel hat am Sonnabend im Mecklenburgischen Landestheater Parchim mit sehr viel Beifall des Publikums Premiere gefeiert.

Die Einführung in das durchgehend auf Tempo gespielte Stück setzt die Zuschauer schnell ins Bild: Um keinen Preis der Welt kann Paul, dargestellt von Martin Klinkenberg, die angeblich so liebenswürdige und attraktive Sophie, mit der er erst seit vier Monaten eine Wohnung teilt, mehr ertragen. Nachts träumt er von Lastwagen, die seine Liebste überfahren, und genießt die Vorstellung ihres nun zerstückelten Körpers. Was aber hat den Mann in diese Rage versetzt? Die Frage beantwortet sich, kaum hat Sophie Paul zum ersten Mal mit einer erstickend liebevollen Umarmung beglückt.

Sophie, diese Mitfühlende, dieses Seelchen, diese heilige Einfalt, stark überzogen gespielt von Anne Ebel, ist einfach unerträglich und Pauls Vernichtungsphantasien sind das Äquivalent zu so viel augenfälliger „Liebenswürdigkeit“. Je wüster aber die Phantasien werden, desto mehr dürfte der beziehungsgequälte Mann Angst vor sich selbst bekommen – der wahre Grund für seine Feigheit. Daher ruft Paul seinen Freund Martin zu Hilfe, der zu den beiden ziehen und sich so furchtbar daneben benehmen soll, dass Sophie schließlich wegen Martin ausziehen wird. Damit wäre, stücktechnisch, auch der dramatische Knoten boulevardesk geschnürt: Schlag auf Schlag entwickelt sich nun auf der Bühne in der Parchimer Theatergaststätte turbulente Situationskomik, türmen sich Lügen, Missverständnisse und Aneinandervorbei-Reden in rasantem Tempo auf. Und das Parchimer Publikum überlässt sich freudig dem Sog der Komödie und spendet nach jeder Szene herzhaft Beifall.

„Keep calm and read a book“, die bekannte Durchhalteparole des englischen Königs aus dem Jahr 1939 – hier in leichter Abwandlung – hängt in dreifacher Ausfertigung über dem Esstisch des Paares, ironische Anspielung auf Sophies Beruf als Büchhändlerin. Birgit Voß hat das Wohnzimmer des Paares mit wenigen Möbelstücken und auffälliger Streifentapete ausgestattet, genug Material, um eine Kulisse bürgerlichen Wohnglücks heraufzubeschwören. Dominantes Ausstattungsstück ist eine übergroße Recamière, notwendig, um so manchen Bühnensturz und -sprung abzufangen, aber auch bereits Hinweis auf das, was sich vorübergehend entwickeln wird, nämlich eine „Ménage à trois“. Schließlich geht es in diesem Stück grundsätzlich um Liebeswirrnis und -verirrungen und ohne die berühmte Dreiecksbeziehung – Katalysator der Konfliktlösung – ist Boulevard nicht zu denken.

Das Stück des zeitgenössischen Autors Clément Michel wird derzeit an mehreren deutschen Bühnen gespielt, eine Verfilmung ist geplant. Der Text stimuliert durch einfallsreichen Witz, aber unter die Oberfläche des wilden Aktionismus und der gepfefferten Dialoge führt er kaum.

Für Darsteller und Regie stellt sich so die Frage, wieviel Charakter, wie viele Zwischentöne kann man Figuren dieser Art überhaupt verleihen? Unter der Regie von Katja Mickan formten Anne Ebel und Martin Klinkenberg eher Typen. Ebel, die ihre schauspielerische Wandlungsfähigkeit zuletzt noch als Emma in „Emmas Glück“ bewies, steigerte die Sophie unter anderem mit künstlich in die Höhe getrimmter Stimme bis in die Karikatur, was die Darstellung einschnürte und irgendwann etwas langweilig wurde. Möglicherweise standen hier die eindimensionalen Figuren aus Comic oder Comedy Pate. Nils Höddinghaus als Martin hingegen entsprach durch sein differenzierteres Spiel dem „Realismus“ des klassischen Boulevards und wurde in mehrfacher Hinsicht zur Kontrastfigur des daueraufgeregten Paul alias Martin Klinkenberg. In der Summe aber war es ein schöner, ja fast ein aufregender Theaterabend, für dessen solide handwerkliche Grundlage wieder Regisseurein Katja Mickan gesorgt hatte.

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