Videothek in Parchim : Stirb langsam

Chewbakka und ein Sturmtruppler aus Pappe sind Figuren aus Star-Wars-Filmen und gehören zum Interieur in Maik Micheels Videothek.
Chewbakka und ein Sturmtruppler aus Pappe sind Figuren aus Star-Wars-Filmen und gehören zum Interieur in Maik Micheels Videothek.

Der Untergang der Videotheken geht unaufhörlich weiter, doch Maik Micheel aus Parchim gibt noch nicht auf

svz.de von
06. Juli 2018, 20:30 Uhr

Bruce Willis hat ein paar blutige Schrammen im rußverschmierten Gesicht und sieht auf dem Cover der DVD-Hülle abgespannt aus. Eigentlich sieht er immer so aus, da ihm ständig irgendwelche Bösewichte über den Weg laufen und er deshalb Amerika retten muss. Wer sehen will, wie der Schauspieler das macht, der kann sich durch fünf Filme aus der Reihe „Stirb langsam“ kämpfen. „Action-Filme laufen am besten“, sagt der Parchimer Videothekar Maik Micheel. Was nicht mehr läuft, das ist die Branche, in der er seit 28 Jahren arbeitet. Auch sie stirbt langsam – und da ist selbst Haudegen Willis machtlos.

Maik Micheel hat Zeit zum Plaudern. Über gute Filme und schlechte Filme, über Drehbuchautoren und Schauspieler. Kundschaft war an diesem Morgen noch nicht da. „Ist leider öfter so“, sagt Micheel und zuckt mit den Schultern. 13 000 Kunden haben sich in den vergangenen fast drei Jahrzehnten bei ihm registrieren lassen. Geblieben sind etwa 100 Stammkunden. Dabei gibt es weit und breit kein Verleih-Geschäft mehr außer Micheels „Video aktuell“ am Fischerdamm. Allein in Parchim gab es mal neun Anbieter. Jetzt gibt es laut des Interessenverbandes Video- und Medienfachhandel nur noch sechs Videotheken in ganz Mecklenburg-Vorpommern.

Für Jörg Weinrich, Geschäftsführer des Interessenverbandes steht fest: „Das Hauptproblem der Videotheken ist das illegale Angebot im Netz.“ Dort bekämen die Kunden das Produkt, welches in Videotheken gegen Entgelt geliehen werden könne, oft gratis. „Solange dieses Angebot nicht deutlich eingeschränkt wird, ist der Abwärtstrend kaum zu stoppen“, so Weinrich.

In Zahlen ausgedrückt sieht der Abwärtstrend so aus: Im Jahr 1990 hatte die Branche mit etwa 9000 Geschäften ihren Höhepunkt erreicht, im Jahr 2000 waren es noch halb so viel. Die 15 Automaten-Videotheken in Deutschland ausgenommen, gab es laut Interessenverband Ende vergangenen Jahres bundesweit noch 586 herkömmliche Videotheken. Die meisten – nämlich 109 – sind in Nordrhein-Westfalen erfasst, gefolgt von Bayern mit 99 und Baden-Württemberg mit 69 Videotheken. MV ist mit dem halben Dutzend Geschäfte Schlusslicht. Der Umsatz beim Spielfilmverleih in Videotheken ging bundesweit im Zeitraum von 2016 zu 2017 von 121 auf 84 Millionen zurück, während in dieser Sparte die Kundenzahl von 3,9 auf 2,6 Millionen schrumpfte.

Die Gunst der Zuschauer ist hart umkämpft. Internet-Videotheken wie Netflix, Maxdome oder Amazon Prime Video bieten viele Wunschfilme an und spülen teure Serien-Produktionen auf den Markt. „Wer Serien mag, dem fehlt die Zeit für andere Filme“, sagt Weinrich.

Das bekommen Videothekare wie Micheel zu spüren. Dicht an dicht liegen bei ihm die Filmhüllen nebeneinander. Conan der Barbar wartet mürrisch auf Kundschaft. Der Taxi-Driver macht schon lange Pause, Leon, der Profi hat nichts mehr zu tun und der Pate hält schon lange nicht mehr die Fäden in der Hand. „Diese Filme sind alle Kult“, sagt Micheel. Jetzt sind sie Ladenhüter.

Videothekar Micheel, der zu DDR-Zeiten Zerspaner lernte, stieg 1991 in das Videogeschäft ein. Es war die Wendezeit. Große Videotheken-Ketten aus dem Westen suchten Räume und Betreiber im Osten, viele ehemalige DDR-Bürger eine neue berufliche Orientierung. Maik Micheels Mutter Christa hatte den Platz und Lust auf einen neuen Job. Sohn Maik erinnert sich, dass „die Leute hier ganz gierig nach Filmen waren, die sie immer schon mal sehen wollten.“ 1993 übernahm der heute 52-Jährige das Geschäft. 3000 VHS-Kassetten waren der Grundstock. Mittlerweile hat er sie alle bis auf ein paar Dutzend verkauft. Dafür stehen um die 4500 DVDs und Blue-Rays auf verwinkelten 170 Quadratmetern in den Regalen. Die große Ladenfläche könne sich Micheel nur noch leisten, weil das Haus in Familienhand sei. 2008, als sein Geschäft noch besser lief, da machte der Parchimer in Ludwigslust eine Zweigstelle auf. Vier Jahre später rentierte sie sich nicht mehr. 2011 versuchte er es auf dem Schweriner Dreesch. Nach drei Monaten zog er die Reißleine.

Am Tresen der Videothek sieht es nicht anders aus, als an der Kasse eines Kinos. Eistruhe, Popcorn, Getränke. „Ohne das Zusatzsortiment würde sich das alles überhaupt nicht rechnen“, sagt Micheel. Comic-Hefte passend zu aktuellen Verfilmungen, Kino-Plakate, Videospiele – alles da. Bald auch Mobiltelefone.

Der erste Kunde des Tages ist gekommen und geht zielstrebig auf die Wand mit den Neuerscheinungen zu. „Ich komme fast täglich, bin Rentner und habe viel Zeit, um Filme zu gucken“, sagt er. Dass es noch eine Videothek gibt, das fände er gut. Es gibt Beratung und die Chance, ein bisschen zu reden.

Wenn es nach Maik Micheel ginge, dann würde er gerne noch ganz lange seine Stammkunden beraten, mit ihnen über schlechte und gute Filme plaudern. Was er macht, wenn die Umsätze weiter in den Keller gehen? „Ich würde mehr als bisher als Natur- und Landschaftsführer im Müritz-Nationalpark arbeiten.“ Doch noch möchte er liebend gerne weiter zehn Stunden am Tag neue Filme einkaufen, verkaufen und verleihen. Komödien, Horror, Action, Erotik – alles querbeet.

Für 2019 ist die Veröffentlichung von „Stirb langsam 6“ angekündigt. Dann wird Bruce Willis wieder retten, was noch zu retten ist. Erst wird der Streifen in den Kinos gezeigt, später im Handel verkauft. Und er wird bei Maik Micheel erhältlich sein. Vorausgesetzt, seine Videothek hat überlebt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen