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Parchimer Zeitung

19. September 2017 | 13:51 Uhr

PARCHIM : Stadtbekannter Schläger verurteilt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wegen Körperverletzung in zwei Fällen muss ein Gewalttäter für 15 Monate hinter Gitter / Zeugenaussagen von Angst geprägt

Ein Schöffengericht unter Vorsitz von Amtsrichter Kai Jacobsen hat in Parchim den mehrfach vorbestraften Sternberger Karl F. (Name geändert) wegen Körperverletzung in zwei Fällen zu einer Gesamthaftstrafe von 15 Monaten Gefängnis verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte in der Silvesternacht von 2013 auf 2014 seine Verlobte Helen S. (Name geändert) körperlich misshandelt und Herrmann M. (Name geändert) derart geschubst hatte, dass der rückwärts mit dem Kopf gegen einen Kaminofen gefallen und dann verstorben war.

„Das Urteil ist der Tat und der Schuld des Angeklagten angemessen“, betonte Richter Jacobsen. Eine Geldstrafe sei ausgeschlossen gewesen, „weil sie nicht geeignet erscheint, den Angeklagten von weiteren Straftaten abzuhalten“. Der Angeklagte wisse, so der Richter, dass er unter Alkoholeinfluss zu Gewaltausbrüchen neige. „Eine günstige Sozialprognose ist ihm nicht zuzubilligen.“ Richter Jacobsen legte dem Straftäter eindringlich nahe, sich in professionelle Behandlung zu begeben „und mit aller Kraft daran zu arbeiten, sich eine deutlich längere Zündschnur zuzulegen“.

Die Staatsanwaltschaft hatte eine Gesamthaftstrafe von 27 Monaten gefordert. Die Verteidigung hatte im ersten Fall einen Freispruch beantragt und im zweiten Fall eine Geldstrafe, allenfalls aber eine Bewährungsstrafe von maximal sechs Monaten für angemessen gehalten. Gegen das Urteil wurde Revision oder Berufung zugelassen.

Drei Verhandlungstage brauchte das Gericht, um den Tathergang zu erhellen und Licht in das Dunkel der höchst widersprüchlichen und unergiebigen Zeugenaussagen zu bringen. Selbst nachdem er ihnen ihre von der Polizei in Sternberg, Wismar und Hamburg protokollierten Aussagen vorgehalten habe, so der Amtsrichter, „wollten die Zeugen das Geschehen aus Angst vor dem Angeklagten herunterspielen“.

Karl F. und Helen S. hatten zu einer Silvesterfeier in eine Laube der Sternberger Kleingartenanlage „Ravenswinkel“ eingeladen. Zu den Gästen zählten auch Herrmann M. und seine Freundin Karin M. (Name geändert). Die Stimmung steigerte sich von Glas zu Glas. Karin M. - wenigstens darin waren sich die Zeugen einig - wollte offenbar unter Beweis stellen, dass sie jeden Mann dazu verleiten könne, sich ihr mit eindeutigen Absichten zu nähern. Sie machte sich an einen weiteren Gast heran und tauschte mit ihm Zärtlichkeiten aus. Das wiederum betrübte ihren Begleiter Herrmann M. derart, dass er sich der Verlobten von Karl F. anvertraute, was diesen ziemlich in Rage brachte. Er boxte Herrmann M. mit einem Kopfhieb zur Seite, versetzte seiner Verlobten mehrere Schläge mit der flachen Hand, boxte ihr ins Gesicht und schleuderte sie aufgebracht über einen Tisch, der dabei zu Bruch ging. Der Einlassung von Helen S., sie könne sich ihr blaues Auge, die schweren Blutergüsse am ganzen Körper und eine gewisse Bewegungsunfähigkeit auch durch den Sturz in einen Graben neben der Gartenlaube zugezogen haben, schenkte das Gericht keinen Glauben. Wutschnaubend habe der Angeklagte dann Herrmann M. gegenübergesessen. Als dieser aufstand, sei er von Karl F. angegangen und geschubst worden und umgefallen. Um 2.49 Uhr hatte Helen S. die Rettungsleitstelle alarmiert und zu einem Unfall gerufen, um 3.34 Uhr Karin M. zudem die Polizei. Der Notarzt hatte um 4.21 Uhr den Tod von Herrmann M. festgestellt und als Ursache eine Hirnblutung vermutet.

Wie knapp der Angeklagte am Totschlag oder einer Körperverletzung mit Todesfolge vorbeigeschrammt war, offenbarte die Obduktion beim Gerichtsmedizinischen Institut Rostock. Sie förderte zutage, dass das Gehirn stark angeschwollen war und mehrere kleine Prellungsherde erkennen ließ. Zwischen dem Kopfhieb und dem Sturz gegen den Ofen sei allerdings kein zeitlicher Zusammenhang feststellbar gewesen. Ein etwa 100 Gramm schwerer Bluterguss im Gehirn sei bereits geronnen gewesen, also früher gesetzt worden. Der Verstorbene wies außer der Kopfverletzung durch den Sturz gegen den Ofen eine massive Herzvergrößerung, By-Pässe und eine Infarktnarbe auf. Weil der Notarzt eine lichtstarre Pupille festgestellt hatte, müsse das Sterben von Herrmann M. bereits früher eingesetzt haben. Dafür spreche auch, so die Rechtsmedizin, dass Herrmann M. apathisch und teilnahmslos gewirkt habe. „Ich kann dem Gericht leider nicht die für die Anwendung des vollen Strafrechts relevante Sicherheit bieten“, bedauerte der Gutachter abschließend.

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