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Parchimer Zeitung

19. August 2017 | 22:42 Uhr

Parchim : Spaß mit Buddel und Boddervagel

vom
Aus der Redaktion der Parchimer Zeitung

Jutta Stier bringt Kindern in der Paulo-Freiere-Schule in Parchim die plattdeutsche Sprache näher

„Taehnböst“ heißt Zahnbürste, „Boddervagel“ ist eine Schmetterlingsart, „Buddel“ eine Flasche. Diese und viele andere plattdeutsche Wörter haben zwölf Grundschüler an der Paulo-Freire-Schule gelernt.

„Dass man noch eine Sprache kann“, findet Friedrich (7) toll. Man könne miteinander reden, ohne dass die anderen es verstehen, so Carlotta (7). „Das ist eine Geheimsprache“, findet Liebhard (9). Marlene (8) gefällt es, etwas Neues zu lernen. Heinrich (8) berichtet, dass sich auf Plattdeutsch auch Schimpfwörter sagen lassen. „Es macht Spaß“, so Katharina (8).

Mit großer Freude seien die Kinder bei den wöchentlichen Plattdeutsch-Stunden dabei, berichtet Jutta Stier (63). Die Zahnarzthelferin hat es übernommen, interessierten Kindern aus den Klassenstufen eins bis vier an dieser Parchimer Schule Platt beizubringen.

Jutta Stier ist mit der alten Sprache aufgewachsen. Sie wohnte in einem Dorf bei Wismar. Ihre Oma sprach platt, ihre Eltern auch. Als sie in die Schule kam, gab es in ihrer Klasse Kinder, die nur platt und überhaupt kein hochdeutsch beherrschten.

Seit zwei Jahrzehnten lebt Jutta Stier in Rom. Nach dem Tod ihres Vaters hatte ihre Mutter mit im Haus gewohnt, bis sie im Juni verstarb. Sie wäre wohl begeistert gewesen, wie ihre Tochter die alte Sprache weiter gibt.

Im vergangenen Jahr kam die Radiosendung Plappermoehl nach Rom, erzählt die Zahnarzthelferin. Damals wurde von den Rundfunkleuten noch eine Frau in einer Männerrunde gesucht. Ihr Nachbar, Roms Bürgermeister Volker Toparkus, warb sie zum Mitmachen. In der Sendung in der Vorweihnachtszeit sollte sie etwas vortragen über Süßigkeiten im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit beim Zahnarzt. Danach hörte die Plattsnackerin aus Rom von anderen, sie solle doch etwas daraus machen, dass sie die alte Sprache so gut beherrscht.

Jutta Stier suchte ohnehin nach einer Herausforderung für die Zeit, wenn sie künftig im Ruhestand kürzer tritt. Von Hans-Werner Beck, dem Bürgermeister von Domsühl, mit dem sie beruflich zu tun hatte, kam der Hinweis, dass sie es mit Plattdeutsch-Unterricht an der Freire-Schule versuchen könnte. Gesagt, getan – die Plattdeutschfrau aus Rom stellte sich an der Schule vor.

Woher Bürgermeister Beck davon wusste, ist Schulleiterin Svea Finck in der Freire-Schule zwar bis heute unklar. „Aber es passte tatsächlich. Es ist eine tolle Idee.“ Gerade hatte das Team in der Schule noch darüber gesprochen, dass man auch Plattdeutsch anbieten könnte. Nur fehlte dafür eine Fachkraft. Quasi am nächsten Tag stand Jutta Stier vor der Tür. Sie gibt den Unterricht und erhält dafür nur eine kleine Aufwandsentschädigung. Die Schule sei Menschen dankbar, die für solche Zusatzangebote sorgen, so Svea Finck.

Jutta Stier lernt durch ihre neue Tätigkeit dazu. Vorher hatte sie Platt gesprochen, jetzt beginnt sie auch mit dem Lesen.

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erstellt am 22.Nov.2016 | 05:00 Uhr

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