Archäologische Überraschung : Skelettfunde in Siggelkow

Das Körpergrab einer Frau lässt noch Sargumrisse erahnen.
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Das Körpergrab einer Frau lässt noch Sargumrisse erahnen.

Mittelalter-Geviert gibt neue Geheimnisse preis / Windenergietrassenbau schneidet Bodendenkmal

svz.de von
03. März 2016, 12:00 Uhr

Überraschungsfund an der Windenergietrasse bei Siggelkow: Archäologen entdeckten jetzt 12 Gräber mit menschlichen Skeletten. Die Funde dürften 800 Jahre alt sein.

Das moderate Winterwetter nutzend schreiten derzeit die Schachtarbeiten für die vom Parchimer Umspannwerk südwärts führende Windenergietrasse relativ rasch voran. Den näher rückenden Baggern zuvor zu kommen, sind seit Wochen Archäologen dabei, ein bekanntes Bodendenkmal notdürftig zu sichern, welches von dem geplanten Leitungsgraben durchschnitten werden wird.

Leiter dieser archäologischen Rettungsgrabung ist wiederum Magister Rolf Schulze, welcher in der Region schon eine ganze Weile vor allem zu sogenannten Wüstungen forscht, deren Standorte auf Luftbildern lokalisiert und durch etliche Feldbegehungen verifiziert worden waren. Inzwischen hatte es auf besagtem Acker der Gemeinde Siggelkow auch schon Forschungsgrabungen der Universität Hamburg gegeben.

Ein Glücksfall für die Studenten

Auch diesmal bekam Rolf Schulze – obwohl sehr kurzfristig und zu ungewöhnlicher Jahreszeit – wieder tatkräftige Unterstützung vom Hamburger Archäologischen Institut, Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie, in Person der Master-Studentin Felicitas Görke. Für sie sei das geradezu ein Glücksfall, um den sie ihre Kommilitonen gewiss beneiden, meinte die Rothaarige.

Unten auf der Sohle eines von der Baufirma vorbereiteten Grabens – etwa dreimal so breit wie für die künftige Leitungstrasse nötig aber noch lange nicht so tief – legte die junge Frau mit bereits bei fünf ähnlichen Praktika geübten Griffen ihrer handlichen Spitzkelle (Maurerwerkzeug, das auch Archäologen und manchmal sogar Bäcker gern nutzen) einen von Steinen umgebenen Topf frei, den wohl die Last der Erdschichten zerdrückt hatte.

Grabungsleiter Schulze bestätigte mit erfahrenem Blick, dass es sich bei dem Gefäß um sogenannte graue Irdenware handelt, welches genau in die Zeit des hier untersuchten Grabenwerks passe. Welchem Zweck diese etwa 50 mal 50 Meter umfriedete Anlage einst diente, nachdem deutsche Siedler das vormalige Slawenland längst dauerhaft beherrschten, das hofft der Archäologe heraus zu finden.

Bei gezielten Grabungen 2015 war bereits eine Ecke des Grabengevierts punktuell untersucht und teilweise frei gelegt worden. „Jetzt haben wir das Glück, gleich zwei weitere Abschnitte, darunter eine Ecke, untersuchen zu können“, freute sich Rolf Schulze trotz der nicht gerade idealen Grabungsbedingungen. Denn abwechselnde Nachtfröste und Tauwetter nebst Wind, Schnee und Regen ließen den sorgfältig angelegten Schnittprofilen im Boden nur äußerst fragilen Bestand. Und dass praktisch jeden Morgen erst eine über Nacht steinhart gefrorene Erdschicht von gut zehn Zentimetern Stärke überwunden werden musste, um in darunter liegende Fundhorizonte vorzudringen, machte das Unterfangen auch nicht gerade leichter.

Ein Knochen bringt den Zeitplan durcheinander

Der Grabungsleiter betonte, er sei vor allem dankbar für die Unterstützung ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger aus der Region sowie des MV-Landesamts für Kultur- und Denkmalpflege, welches ihm einen professionellen Grabungstechniker zur Seite stellte. Hand in Hand mit dem gesetzlich dazu verpflichteten Bauherrn werde die Rettungsgrabung nach Möglichkeit abgeschlossen, bevor die Bagger Ernst machen.

Allerdings bekam der Zeitplan ausgerechnet am Tag, als SVZ das erste Mal vor Ort war, eine unerwartete Zäsur: Eine von einem guten Dutzend sich auf der nivellierten Grabensohle abzeichnenden Verfärbungen zeigte meist über einen Meter hinaus fast rechteckige Ausdehnung – im Unterschied zu den zahlreichen bereits identifizierten kleineren und meist nahezu runden Pfostenlöchern und Siedlungsgruben.

An der Ahnung, es könne sich womöglich um eine mittelalterliche Bestattungsgrube handeln, bestand ab jenem Moment kein Zweifel mehr, als beim Nachgraben etwas Hartes und nahezu Weißes zum Vorschein kam – ein Knochen, und das war bei Leibe nicht der letzte. Nach und nach fanden die Ausgräber im Bereich des Bodenschnittes insgesamt 12 unterschiedlich gut erhaltene Grabstätten mit menschlichen Skeletten und teilweise noch erkennbaren Sargumrissen.

Archäologe Rolf Schulze und seine Mitstreiter/innen arbeiteten noch anderthalb Wochen lang „wie im Fieber“. Und das nicht nur wegen des Zeitdrucks und der im wahrsten Wortsinne „reizenden“ Umweltbedingungen am Grunde metertiefer Gruben, die der eiskalte Wind nicht nur mit feinem Sand, sondern oft auch mit Eiskristallen peitschte. Insbesondere Felicitas Görke glühte förmlich über „ihrer“ Ausgrabung, die der kurz vor ihrem Master-Abschluss stehenden Archäologiestudentin erstmals in ihrer Laufbahn die Möglichkeit eröffnete, beinahe 800 Jahre alte menschliche Gebeine in seither ungestörter Lage zu untersuchen.

Digitaltechnik bringt drei Dimemsionen

Begeistert erläuterte sie, dass das gerade von ihr frei präparierte Skelett einem zu seiner Zeit wohl recht großen Mann gehörte, welcher offenbar an einer Knochenkrankheit gelitten hatte. Darauf ließen zumindest die versteiften Kniegelenke und auch das unförmige Becken schließen. „Schade nur, dass sein Kopf etwas außerhalb unserer Grabungszone liegt. Anhand der Zähne wäre sein Lebensalter ziemlich exakt festzustellen.“

Die untersuchten Gräber nebst sämtlicher Beifunde aus dem – im Zuge der Rettungsgrabung angelegten – Querschnitt durch das Bodendenkmal würden digitalfotografisch gescannt, so dass ein dreidimensionales Modell davon weitere Aufschlüsse bieten könne, meinte Grabungsleiter Rolf Schulze überaus zufrieden mit der bei Beginn der Schachtarbeiten so nicht absehbaren Entwicklung.

Gut möglich dass sein geschätzter Fachkollege Frank Wietrzichowski mit seiner (angesichts beinahe identischer Grabenquerschnitte) spontanen Vermutung Recht behalten könnte, dass es sich bei dem geheimnisvollen Geviert hier im Süden des Landkreises LuPa ebenfalls um einen Friedhof aus dem frühdeutschen Mittelalter handeln könnte, wie er ihn im vergangen Jahr außerhalb der bis dato bekannten Stadtgrenzen von Warin entdeckt und ausgegraben hatte.

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