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Windpark-Kritiker werben um Unterstützung : Sie kämpfen wie einst Don Quijote...

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Klingt unglaublich: Man stelle sich den Turm von St. Marien vor, multipliziere deren Höhe von rund 60 Meter mal Drei, lege noch neun Meter drauf und bekomme dann eine vage Vorstellung von einem Windenergieturm.

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erstellt am 01.Feb.2013 | 11:50 Uhr

Parchim/Neuburg | Die Sache klingt unglaublich: Man stelle sich den Turm der St. Marienkirche vor, multipliziere deren Höhe von rund 60 Meter mal Drei, lege noch neun Meter drauf und bekomme dann eine vage Vorstellung von einem Windenergieturm, der mit seiner Rotorspitze 189 Meter in den Himmel ragt. Und die Sache klingt noch bedrohlicher, wenn Ingo Schawe davon spricht, dass es nicht um einen, nicht um fünf, sondern um 25 und vielleicht auch mehr als 30 derartige Anlagen unmittelbar am östlichen Stadtrand von Parchim geht. Der junge Mann wohnt in Neuburg, hat 25 Jahre in Parchim gelebt, und will als Mitglied einer Bürgergemeinschaft unbedingt verhindert, dass "dieser Irrsinn" Realität wird. "Wir sind nicht gegen Windkraft, aber gegen den Standort und die Ausmaße der Pläne", erklärt er am Mittwochabend den Mitgliedern des Wirtschaftsausschusses der Stadtvertretung. Sie hatten zu Beginn ihrer regulären Beratung den anwesenden Windkraftkritikern einstimmig das Rederecht erteilt.

Ingo Schawe trägt sachlich die Fakten vor, die er zusammen mit seinen Mitstreitern in mehr als einem Jahr zum Thema zusammengetragen hat. Auf dem vom Regionalen Planungsverband vor mehreren Jahren festgeschriebenen "Windeignungsgebiet Parchim-Ost" will die UKA Nord Projektentwicklung aus Rostock 25 Windkraftgiganten mit Rädern, die einen Durchmesser von mehr als 100 Meter haben und rund drei Megawatt Strom erzeugen können, aufstellen. "Das Gebiet ist nicht einmal einen Kilometer breit. Für die Stromversorgung von ganz Parchim würde man nur drei und nicht 25 dieser Anlagen benötigen. Wie wollen wir das später unseren Kindern und Enkeln erklären?", redet Ingo Schawe den Ausschussmitgliedern ins Gewissen. Dietlind Gohle, Initiatorin der Proteste und inzwischen Präsidentin des Vereins "Gegenwind Parchim", greift den Faden auf. "Es könnte noch schlimmer kommen. Von der Planungsbehörde habe ich gerade erfahren, dass das Gebiet womöglich komplett mit noch mehr Windrädern bebaut werden soll. Hier geht es doch nur noch um politische und ökonomische Macht", meint sie und erntet betretene Gesichter.

Vor wenigen Tagen auf einer Informationsveranstaltung der Bürgerinitiativen und am Dienstagabend auf der Sitzung des Stadt entwicklungsausschusses haben die Kritiker öffentlich formuliert, worum es im Einzelnen geht. Das Spektrum ihrer Einwände reicht von technisch unausgereiften Blinksignalanlagen für die Flugsicherheit, über nicht definierte "Schutzvorrichtungen für die Bevölkerung" bis zu der den Genehmigungsbehörden frei gestellten Umweltverträglichkeitsprüfungen vor dem Bau der Anlagen. "Auf unsere Einwen dungen haben wir bislang keine Antworten bekommen. Im Gegenzug wird dem Investor alles auf dem goldenen Tablett serviert", macht Dietlind Gohle ihrem Frust erneut Luft. Für sie sei es eine Face, dass die Bürger zwar das Recht haben, Widerspruch einzulegen, aber auf die Einwände erst Antworten bekommen, wenn die Baugehmigung bereits erteilt worden ist.

Karin Buczilowski (Stadtvertreterin/Fraktion Die Linke) macht aus ihrem Verständnis für das Anliegen der Kritiker keinen Hehl: "Ich kann nicht nachvollziehen, warum unmittelbar am Stadtrand von Parchim dieser Windpark entstehen soll. In Mecklenburg gibt es doch genügend Platz auf dem weiten Land. Die Verzweiflung der Betroffenen hätte man doch voraussehen müssen".

Fachbereichsleiter Holger Geick kann zwar nachvollziehen wie der Regionale Planungsverband die Windeignungsgebiete ermittelt hat, räumt am Abend aber ein: "Wir haben vor Jahren nicht geahnt, was da einmal auf uns zu kommt".

Die Windparkkritiker aus Parchim und umliegenden Dörfern kämpfen wie einst Don Quijote. Seit Januar 2012 laufen sie Sturm gegen das Projekt. Im August vergangenen Jahres haben sie Klage beim Oberwaltungsgericht eingelegt, um zunächst eine Einstweilige Verfügung zu erlangen. Eine Entscheidung steht bis dato aus, offenbar auch deshalb, weil dem Gericht noch immer angeforderte Stellungnahmen von Landesbehörden fehlen.

Den Mitgliedern der Bürgerinitiativen hat das Procedere inzwischen nicht nur jede Menge Nerven, sondern auch richtig Geld gekostet. Betroffene aus Parchim und der Gemeinde Siggelkow haben gespendet, um die für Anwälte, Gerichtskosten und Flugblätter benötigten 9 595 Euro zusammen zu bekommen. Für das bevorstehende Verfahren wird wohl noch einmal eine vierstellige Summe fällig.

Für Ingo Schawe und seine Mitstreiter gab es in der zurückliegenden Woche einen wichtigen Etappensieg: "Erstmals können wir bei den Stadtvertretern mit Argumenten und nicht nur mit Emotionen punkten. Wir sind dankbar, dass wir in den Ausschüssen so viel Aufmerksamkeit bekommen haben. Das ist ein Quantensprung. Ich bin mir sicher, dass die anstehenden Entscheidungen im Stadtparlament nicht mehr wie früher durchgewunken werden". Stadtplaner Norbert Kreft hält es für möglich, dass der Abwägungsbeschluss zur Flächenplanänderung als Voraussetzung für einen späteren B-Plan "Windpark Parchim-Ost" schon auf der nächsten Vertretersitzung auf der Tagesordnung stehen könnte. Dann zeigt sich, ob die Kritiker, anders als ihr historisches Vorbild Do Quijote, den Kampf gegen die Mühlen gewinnen können.

In der Parchimer Region zieht derweilen ein Sturm auf. Der Regionale Planungsverband arbeitet an einer Neuauflage von Windeignungsräumen. Nicht nur in Parchim, sondern vielerorts könnten Windenergieinvestoren zum Zuge kommen. Obwohl in Mecklenburg-Vorpommern derzeit nur die Hälfte der bereits vorhandenen Windkraftanlagen für die Stromerzeugung benötigt werden, sollen deutlich mehr Windeignungsgebiete ausgewiesen werden.

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