Mestlin : Sehenswerte Grafiken im Kulturhaus

„Auf-Schreiender“:  Kaltnadelradierung (24,5 cm x 29,5 cm) von Hans Hendrik Grimmling (1984)
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„Auf-Schreiender“: Kaltnadelradierung (24,5 cm x 29,5 cm) von Hans Hendrik Grimmling (1984)

„Schichtwechsel“ offenbart hohes Niveau

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02. August 2015, 21:00 Uhr

In der Ausstellung „Schichtwechsel – Kunst aus 40 Jahren DDR“ im Mestliner Kulturhaus haben grafische Werke einen auffallend hohen Anteil, nehmen mit 27 Werken in der ehemaligen Bücherei sogar einen eigenen Saal ein und lohnen allein schon einen Besuch.

Es sei nämlich ein Irrtum, so der Kunstkritiker Herbert Schirmer als Kurator der Ausstellung, dass in der DDR keine museumsreife Kunst entstanden sei. „Die grafischen Werke erscheinen von höchster künstlerischer Qualität.“ Ihre geradezu subjektivistischen Themen seien als individuelle Reaktion auf das ideologische Säuberungsprogramm der allmächtigen SED zu verstehen, mit dem die seit Ende der sechziger Jahre aufkeimenden skeptizistischen und modernistischen Tendenzen ausgemerzt werden sollten. Stattdessen sei staatlicherseits ein biederes Realismusverständnis und ein eher kleinbürgerlicher Kunstgeschmack gefördert und als Argumente gegen progressive Entwicklungen der bildenden Künste eingesetzt worden. „Dennoch nahmen die Versuche zu, dieser dogmatischen Enge mit Selbstporträts oder Bildern von Freunden und Liebespaaren zu begegnen.“

1971 habe der Verbandsfunktionär Peter Senf zwar gefordert, dass der staatliche Auftrag an einen Künstler als ideologisches Leitungsinstrument zu verstehen sei. „Aber dennoch haben etliche Künstler zur Kunst ohne Bevormundung und erzieherischen Auftrag gefunden.“ Grundlagen ihrer hochwertigen Arbeiten seien eine solide akademische und handwerkliche Ausbildung sowie ihr gestiegenes Selbstbewusstsein gewesen.

Nachdem Erich Honecker eine Weite und Vielfalt künstlerischer Handschriften propagiert hatte, äußerte sich das in der Malerei in gesellschaftskritischen Mehrfigurenbildern. Gerade aber die Grafiken der achtziger Jahren kundschaften Freiräume aus, verweisen auf existenzielle Nöte, Umwelt- und Zukunftsängste oder ziehen sich auf formell-ästhetische Themen aus Klassik oder Antike zurück.

Der Aufbruch in die neunziger Jahre ist geprägt von der Angst vor neuen Verhältnissen und vor Bedeutungsverlust. „Nicht wenige Künstler, die zuvor engagiert in der ersten Reihe der Aufklärer zu finden waren, verfallen in Lethargie.“

Herbert Schirmer absolvierte eine Ausbildung als Maschinist und Heizer, später eine Fachschulausbildung als Buchhändler. Von 1974 bis 1975 war er Buchhändler in Dresden, danach bis 1978 Mitarbeiter im Bezirkskabinett für Kulturarbeit Dresden und seit 1977 Chefredakteur des „Kultur-Report (Dresden)“. Nach einem Fernstudium der Journalistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig war er bis 1986 Abteilungsleiter im Verlag der Kunst. Schirmer trat 1985 der Ost-CDU bei. Im Herbst 1989 war er Mitbegründer und Sprecher des Neuen Forum in Beeskow, von November 1989 bis März 1990 Vorsitzender des CDU-Bezirksverbandes Frankfurt (Oder) und bis August 1990 Vorsitzender des CDU-Landesverbandes Brandenburg. Von März bis Oktober 1990 war Schirmer Abgeordneter der Volkskammer und von April bis Oktober Minister für Kultur. Im Februar 1991 trat Schirmer aus der CDU aus und war von 1992 bis 1998 Mitglied der SPD. Von 1991 bis 1998 war er Direktor des Museums in der Wasserburg Beeskow, wo er das „Dokumentationszentrum Kunst in der DDR“ initiierte. Mehr über seine Arbeit findet sich im Internet unter der Adresse www.kk-schirmer.de

 

Öffnungszeiten
„Schichtwechsel - Kunst aus 40 Jahren DDR (bis 13. September 2015)
Marx-Engels-Platz 1, 19374 Mestlin
• Mittwoch – Sonntag, jeweils 11 bis 17 Uhr
• im September: nur Sonnabend, Sonntag jeweils 11 bis 17 Uhr

oder auf Anfrage (0170 / 581 72 49
Zur Ausstellung erschien ein Katalog (5 Euro)

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