Ostsee-Pipeline : Schwere Technik und Stresstest

Auf jedem Lagerplatz deponiert Wingas im Durchschnitt 600 Rohre, meist in zwei langen Reihen übereinander.
Auf jedem Lagerplatz deponiert Wingas im Durchschnitt 600 Rohre, meist in zwei langen Reihen übereinander.

Durchschnittlich 600 Stahlrohre mit einem Durchmesser von 1,40 Metern werden im Abstand von rund zehn Kilometern für die Nordeuropäische Erdgasleitung (NEL), die quer durch Mecklenburg-Vorpommern führt, deponiert.

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17. Dezember 2010, 09:01 Uhr

Crivitz | Die Ausmaße der Stahlrohre sind außergewöhnlich: Ein Grundschüler etwa könnte aufrecht darin stehen. Durchschnittlich 600 Stück werden im Abstand von rund zehn Kilometern für die Nordeuropäische Erdgasleitung (NEL), die quer durch Mecklenburg-Vorpommern führt, deponiert. Die Transportwege während der Bauphase sollen möglichst kurz sein. Mit dem ersten von fünf Lagerplätzen im Kreis Parchim wurde am Donnerstag in der Gemarkung Settin bei Crivitz begonnen. Wintereinbruch und Feiertage unterbrechen das Bestücken mit den riesigen Röhren. Mitte Januar soll es weitergehen. Zweiter Standort wird Ende des Monats Barnin, dann rollen die Schwerlaster vom Bahnhof Dabel an. Es folgen Groß Niendorf, Techentin und Dobbertin, wo die in Lubmin beginnende Trasse in den Landkreis Parchim übergeht.

Die Rohre, die in dieser Dimension nie zuvor in Deutschland verlegt wurden, kommen von einer Spezialfirma in Mühlheim im Ruhrgebiet. Das Besondere ist nicht nur ihr Durchmesser von 1,40 Metern. Der Stahl ist 22,3 Millimeter dick und besteht aus einem speziellen Feinkorngefüge, damit er dem Druck von

100 Bar, mit dem das Erdgas durch die Leitung fließt, problemlos standhält. Vor Inbetriebnahme wird diese bei einem so genannten Stresstest mit Wasser sogar einem Druck von 180 Bar ausgesetzt, um ganz sicher zu gehen, erklärt Nicholas Neu von der Wingas-Gruppe aus Kassel, einem von drei Energieunternehmen, die die NEL realisieren. Damit werde

geprüft, ob alles dicht ist, und die Spannung, die durch das Zusammenschweißen der Rohre entstanden ist, heraus genommen. Die Prüfung nehmen unabhängige Gutachter vom Tüv vor.

Vor dem Ausbaggern wird der Mutterboden abgezogen

Die 18 Meter langen Röhren werden oberirdisch zusammengefügt. Die so entstehenden Stränge erreichen eine Länge bis zu 1,5 Kilometern. Sie werden geröngt, mit Ultraschall untersucht und noch einmal geprüft, bevor schwere Technik, zehn so genannte Seitenbäume, den Leitungsabschnitt in den Rohrgraben absenkt. Dieser ist mindestens 2,40 Meter tief, um eine Überdeckung von einem Meter zu gewährleisten. Bei größeren Unebenheiten des Geländes oder Unterquerungen von Straßen und Flüssen muss eine Biegemaschine ran. "Bei kleineren Durchmessern haben die Rohrstränge noch eine gewisse Elastizität, doch bei 1,40 Metern geht die gegen null. Da setzen wir schwere Biegetechnik ein", erläutert Bauleiter Heinrich Keßler. Die fertige Leitung wird als Korrosionsschutz minimal unter Strom gesetzt. Der Fachmann spricht von Kathodenschutz. Rostbildung sei völlig ausgeschlossen, versichert Heinrich Keßler, der bereits an der Ostsee-Pipiline-Anbindungsleitung (OPAL) im Einsatz war und jetzt die Fäden beim Bestücken aller Rohrlagerplätze in MV knüpft. Zudem erhalten die Röhren samt sandgestrahlter Schweißnähte eine Plastikumhüllung.

Nach Inbetriebnahme werde die Leitung nur an gelben Pfählen im Abstand von 100 bis 500 Metern zu erkennen sein. Denn bevor Bagger den Rohrgraben ausheben, werde der Mutterboden abgezogen und extra gelagert. Ist die Leitung verlegt und der Graben verfüllt, wird die fruchtbare Erde wieder darüber verteilt, so dass Acker- und Gartenbau wie zuvor erfolgen können. Lediglich im Wald bleibe ein schmaler Schutzstreifen frei. Etwa alle 15 Kilometer entsteht eine Absperrstation. Die wird gebraucht, wenn zum Beispiel eine weitere Kommune an das Leitungsnetz anzuschließen ist, und natürlich bei einem Havariefall. Die Dispatcherzentrale in Kassel überwacht 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr das Wingas-Leitungsnetz und den Fluss des Erdgases. Sicherheit werde ganz groß geschrieben, betont Nicholas Neu.

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