zur Navigation springen

17-Jährige spricht über ihren Weg aus der Sucht : Schluss mit Cannabis, Speed & Koks

vom

Katja ist 17 und wie sie sagt, gerade dabei, sich und ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen. "Ich habe Scheiße gebaut, habe mit Drogen gedealt, selbst welche genommen", erzählt sie uns, als wir sie in Parchim treffen.

svz.de von
erstellt am 17.Aug.2012 | 12:06 Uhr

Parchim | Katja* ist 17 Jahre alt und wie sie sagt, gerade dabei, sich und ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen. "Ich habe Scheiße gebaut, habe mit Drogen gedealt, selbst welche genommen", erzählt sie uns, als wir sie in der Suchtberatungsstelle des Diakoniewerkes Kloster Dobbertin in Parchim treffen. "Beim Dealen haben sie mich erwischt", gesteht sie kleinlaut. Ganz genau aber weiß sie, dass die Alternative zur Auflage des Gerichts, am Kurs zur gesundheitsbezogenen Dro gen intervention namens "FreD" teilzunehmen (SVZ berichtete), für sie nicht in Frage kam. "Bevor ich in den Knast gehe, komme ich doch lieber hierher und rede mit den FreD-Leuten!"

Genau das hätte sie müssen - für ein halbes Jahr etwa -, wenn sie sich geweigert hätte. Katja war klüger, vielleicht auch besser beraten, als die 13 anderen Teenager und Jugendlichen, die den dritten "FreD"-Kurs bei der Diakonie mitmachen sollten, aber entweder gar nicht antraten oder wieder ausstiegen. "Alle, die wie ich die gerichtliche Auflage hatten, werden nun für einige Monate eingesperrt. Aber das muss schließlich jeder selbst wissen", sagt Katja schulterzuckend. Bei einem versteht sie es nicht. M., nur ein Jahr älter als sie und "ganz nett", hatte bis zu diesem letzten, vielleicht wichtigsten Termin durchgehalten. "Warum er heute nicht gekommen ist, keine Ahnung. Er wird sein Zertifikat nicht bekommen, und das bedeutet Knast."

Obwohl Katja noch minderjährig ist, ist ihre Drogengeschichte lang. Ungern spricht sie drüber. "Ich war zwölf, als ich das erste mal was genommen habe", erzählt sie. Cannabis, Speed, Koks… Es sei immer so leicht gewesen, an all das Zeug ranzukommen. Anfangs habe sie was zum Aufputschen genommen. Mit dem Zeug sei man besser drauf, halte bei Partys länger durch. Später seien dann Stress in der Familie und Stress mit Freunden dazugekommen. "Ich habe wirklich geglaubt, ich würde meine Probleme mit den Drogen besser in den Griff bekommen. Heute weiß Katja, wie sehr sie damals irrte. Wie hart die Konsequenzen sein können, erfuhr sie jedoch bereits mit 16. Damals war amtlich verfügt worden, dass das Mädchen, das in Nordwestmecklenburg zu hause ist, weg von der Familie ins Kinder- und Jugendheim nach Plau am See musste. "Ich fand das furchtbar, und ich habe auch heute kein Bock auf Heim", gesteht Katja und sagt, dass die Monate dazwischen die Drogen nicht aus ihrem Leben vertreiben konnten. "Nein ich habe sogar mit Dealen angefangen." Und die 17-Jährige erzählt: "Das Zeug bekam ich von einer Freundin, naja Möchtegernfreundin, und wenn ich es weiterverkauft habe, bekam ich ein bisschen Fahrgeld und 20 Euro." Na klar, sei sie ausgenutzt worden, doch sei ihr das ganz egal gewesen. "Ich wollte mein Taschengeld aufbessern", erzählt Katja, "denn wenn Du 17 bist, bekommst du im Heim 66 Euro im Monat. Davon bleiben nach Abzug aller Schulden gerade mal 20. Jedenfalls war es so immer bei mir." Schulden? "Ja, ich habe geklaut und musste einiges bezahlen, bin Schwarzgefahren, weil ich keinen Bock auf Heim hatte, und musste für die Strafzettel aufkommen…"

Als die 17-Jährige nun beim Dealen erwischt wurde, war ihr Konto voll. Das Gericht zog die Reißleine, beauflagte Katja zu Sozialstunden, die sie inzwischen schon bei einem Tierschutzverein abgeleistet hat, und dazu, an FreD teilzunehmen. Damit sie die Termine in der Suchtberatungsstelle in Parchim wahrnehmen konnte, wurden die Fahrten vom Heim organisiert. Katja, die schnell Vertrauen zu den fachlich wie pädagogisch und psychologisch versierten Diakonie-Mitarbeitern fasste, ist stolz darauf, dass sie den Kurs geschafft hat. "Ich habe hier wirklich was gelernt", sagt sie, "was Drogen für Auswirkungen haben können, wo es Hilfen gibt und so. Vor allem aber weiß ich jetzt, dass Drogen schlecht sind und ich nichts mehr damit zu tun haben will. Klar war mir das eigentlich schon längst. FreD hat mir das aber noch viel bewusster gemacht."

Heute hat Katja neue Pläne für ihr junges Leben: Erstmal will sie ihren Hauptschulabschluss machen, dann 18 werden, sich eine eigene Wohnung suchen, wahrscheinlich in Rostock und dann entweder Tierpfleger oder Frisöse werden. Und noch etwas will sie: Zusammen mit ihrer Mutter den Bruder besuchen. "Er ist in Hannover in der Klinik. Die Ärzte haben in seinem Knie einen riesigen Tumor entdeckt. Ich muss da unbedingt hin", sagt sie. "Letzte Woche habe ich die Nachricht gekriegt und deshalb bin ich auch gar nicht gut drauf." Zu ihrem letzten Termin bei FreD war sie trotzdem gefahren, denn in den Knast, das will sie auf keinen Fall.

(*Name von der Redaktion geändert)

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen