Rund 500 Wirkstoffe nicht lieferbar

Auch er muss Medikamente von Alternativ-Herstellern anbieten: Martin Lieske, Inhaber der Parchimer Buchholz-Apotheke
Auch er muss Medikamente von Alternativ-Herstellern anbieten: Martin Lieske, Inhaber der Parchimer Buchholz-Apotheke

Herstellung von Medikamenten an wenigen Standorten ein Problem / Krankenkassen überwachen Einhaltung von Verträgen scharf

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19. August 2019, 16:56 Uhr

Immer häufiger stehen Patienten mit einem Rezept in der Hand in der Apotheke und müssen ohne das wichtige Medikament wieder gehen. Der Patient erhält das Medikament gar nicht oder nur mit zeitlichem Verzug, weil gerade dies von einem bestimmten Hersteller nicht lieferbar ist.

„Aber nicht jeder Lieferengpass muss zwangsläufig zu einem Versorgungsengpass führen“, sagt Martin Lieske, Inhaber der Parchimer Buchholz-Apotheke. „Wirkliche Verknappung ist in niedergelassenen Apotheken eher die Ausnahme, weil in der Regel Alternativen möglich sind.“ Sie erreichten den Patienten nicht immer sofort, aber kurzfristig. Anders könne sich dies in Kliniken verhalten, wo oft speziellere Behandlungen erfolgen, für die sehr ausgesuchte Wirkstoffe vonnöten sind.

Rabattverträge der Krankenkassen geben jeder Apotheke strikt vor, welchen Hersteller sie bei welchem Medikament für eine bestimmte Krankenkasse beliefern muss. Läuft ein Vertrag aus, wird er oft sehr kurzfristig neu vergeben.


Schwierigkeiten bei Vertragsende

Folgen: Die ausgewählten Hersteller können Produktionskapazitäten nicht schnell hochfahren und der Handel hat keine Möglichkeit, die benötigte Ware ausreichend zu bevorraten – ein Lieferengpass. „Hoher Kostendruck führt zu Minimierung der Lagerhaltung, bedeutet für die Krankenkassen allerdings auch ein jährliches Einsparpotential in Milliardenhöhe“, so Lieske.

Ist ein Rabattvertragsmedikament nicht lieferbar, greifen bestimmte Ersatzregeln, die vor kurzem noch einmal verschärft worden seien und den Apotheken ebenfalls genau vorschreiben, was sie liefern dürfen. „Die Krankenkassen prüfen die Einhaltung aller Regeln sehr engmaschig“, berichtet Lieske. „Nichtbeachtung führt zu kompletter Zahlungsverweigerung!“ Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte führt eine Liste mit versorgungsrelevanten, nicht lieferbaren Wirkstoffen, deren Zahl gegenwärtig bei knapp 500 liegt. Die Meldung durch die Hersteller erfolgt freiwillig.

Ernsthafter seien Versorgungsengpässe, die entstehen, wenn es nur einen oder wenige Anbieter für Medikamente mit einem Wirkstoff gibt. Die Ursachen sind vielfältig. So könne zum Beispiel der deutsche Markt wegen des hier besseren Preises aus dem Ausland leergekauft werden, ein Zulieferer den Wirk- oder einen anderen Grundstoff zu spät geliefert haben oder es gebe Produktionsprobleme aus verschiedenen Ursachen (Maschinenstörung, Stilllegung wegen Baumaßnahmen etwa). Als teilweise fatal könne sich in diesem Zusammenhang erweisen, dass die Produktion von Wirkstoffen weltweit mittlerweile nur noch an wenigen Stellen erfolgt.


Gesamter Marktbestand sofort zurückgerufen

So habe beispielsweise die Entdeckung einer produktionsbedingten Verunreinigung bei einem Rohstoffproduzenten für das Blutdruckmedikament Valsartan in China zum sofortigen Rückruf fast des gesamten deutschen Marktbestandes fast aller Hersteller geführt. Außerdem führte der technisch bedingte Ausfall eines großen Werkes für den im Grunde fast banalen Stoff Ibuprofen in den USA sogar zu einer globalen Rohstoffverknappung und nach Ausfall einer Produktionsstätte für Tollwutimpfstoff in Frankreich wurde der deutsche Markt leergekauft.

Lieske und seine Mitarbeiter erleben in der Apotheke immer wieder Patienten, die verunsichert sind, weil zum Beispiel ihr gewohntes Medikament aus genannten Gründen gegen ein anderes ausgetauscht werden muss, und haben Verständnis: „Für einen kranken Menschen gibt es wichtigere Dinge als wirtschaftliche Zusammenhänge, aber wir müssen uns an Rahmenbedingungen halten.“ Unabhängig davon, auch hier Gesetzesvorgaben erfüllen zu müssen, ist sich Lieske eigenen Worten zufolge sicher, dass in allen sechs Parchimer Apotheken die optimale Versorgung des Patienten im Vordergrund steht.

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