Parchim : Raus aus dem Buchstaben-Chaos

Hilft seit 20 Jahren Kindern mit einer Lese-Rechtschreibschwäche: Doris Pink
Hilft seit 20 Jahren Kindern mit einer Lese-Rechtschreibschwäche: Doris Pink

Doris Pink ist seit 20 Jahren als Legasthenie-Therapeutin tätig. Viele Kinder fanden durch ihre Hilfe zu neuem Selbstvertrauen.

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05. März 2018, 12:00 Uhr

Doris Pink war überwältigt, als sie zum ersten Mal nach fast fünf Jahren ihre Sarah* wiedertraf: Vor der Therapeutin stand ein 15-jähriges Mädchen mit einer sehr gesunden Portion Selbstvertrauen, das es weit gebracht hat in der Schule, als Schülersprecherin und in der Freizeit im karnevalistischen Tanzsport.

Doris Pink weiß nur zu gut, wie tapfer und diszipliniert die Neuntklässlerin kämpfen musste, um dahin zu kommen, wo sie jetzt steht: als Zweierschülerin in den Fächern Deutsch und Englisch. Über einen langen Zeitraum war die Therapeutin eine wichtige Begleiterin für das Mädchen mit einer Lese-Rechtschreibschwäche. Als Sarah etwa acht Jahre jung war und sich immer mehr abzeichnete, dass die schulischen Erfolge trotz des unverhältnismäßig hohen Übungsfleißes ausblieben, sich die Angst vor Misserfolgen hingegen dramatisch verfestigte, wandte sich Sarahs Mama an die Legasthenie-Therapeutin. Etwa viereinhalb Jahre lang ging ihre Tochter jeden Montag bei Doris Pink „zur Schule“. Im Einzelunterricht erlernte sie nach einem ganz persönlichen „Fahrplan“ Strategien, die ihr einen selbstständigen Umgang mit ihrem Handicap ermöglichen. „Es ist das Beste an Hilfe, was meine Tochter bekommen konnte“, ist Sarahs Mutter heute einfach nur glücklich, wie gut es ihrer Tochter geht.

Seit nunmehr 20 Jahren begleitet Doris Pink Kinder, in einigen Fällen auch Erwachsene, mit einer diagnostizierten Lese-Rechtschreibschwäche. Legasthenie ist genetisch bedingt. Die in Plau am See beheimatete Diplomlehrerin setzt in ihrer Therapie auf das wissenschaftlich fundierte Konzept von Carola Reuter–Lier, auf das sie Mitte der 1990er Jahre aufmerksam wurde. Damals noch als Studienkreisleiterin in Parchim tätig, absolvierte sie zunächst eine Weiterbildung zur Förderlehrerin und hängte anschließend auf eigene Rechnung die mehrjährige berufsbegleitende Fortbildung zur Therapeutin an.

Solche erfolgreichen Schülerbiografien wie die von Sarah oder Max* bestätigen sie immer wieder, den richtigen Weg gewählt zu haben. Max, heute 12, stand zum Beispiel fünf Jahre unter der Obhut von Doris Pink. Seine Klassenlehrerin hatte schon frühzeitig beobachtet, dass die schulischen Rückschläge des auf anderen Gebieten so erfindungsreichen und kreativen Jungen durch eine Legasthenie begründet sein könnten. Die Lehrerin riet seiner Mutter, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Ohne Frau Pink hätten wir das nicht geschafft. Unser gesamter Alltag ist jetzt viel entspannter geworden“, schätzt die Mutter von Max ein. Zum Beweis präsentiert der Sechstklässler aus Parchim der Therapeutin in dem kleinen Unterrichtsraum im Parchim-Center sein fehlerfreies Diktat im freien Schreiben. Einen anderen Deutschtest bestand er mit der Note Zwei. „Schön“ schrieb seine Lehrerin anerkennend unter die Arbeit.

Durchschnittlich bis zu 25 Kinder nehmen einmal in der Woche u. a. in Parchim und Ludwigslust die Einzeltherapie bei Doris Pink in Anspruch. Seit kurzem ist die Pädagogin feste Partnerin an der Grundschule in Grabow. Wöchentlich drei Stunden ist sie hier zu Gast. Seit etwa fünf Jahren schätzt das Lehrerteam an der Europaschule in Hagenow die professionelle Zusammenarbeit mit der Therapeutin. Dort hat man ihr sogar einen eigenen Raum zur Verfügung gestellt, damit die Kinder direkt aus dem Unterricht zu ihr in die Therapie kommen können. Lilo Schömer, seit Jahrzehnten Lehrerin aus Leidenschaft, sieht die Erfolgserlebnisse tagtäglich: „Die gezielte Therapie zahlt sich aus. Es ist so toll, dass Kinder mit diesem Handicap die Chance bekommen, unsere Muttersprache richtig zu lernen. Und sie lernen es wirklich mit der Hilfe von Doris Pink.“ Nach einer von der Therapeutin angebotenen Fortbildungsveranstaltung haben Lehrer dieser Schule sogar methodische Elemente in ihren Unterricht übertragen.

Eine Legasthenie-Therapie hat für betroffene Familien aber auch ihren Preis, den die Eltern von Sarah oder Max viele Jahre bereit waren zu zahlen, um ihre Kinder fürs Leben stark zu machen und ihnen die Chance auf eine Zukunft ohne Ausgrenzung zu ermöglichen. Doch es gibt auch Familien, die es sich beim besten Willen nicht (mehr) leisten können. Während Betroffene in den Niederlanden ein verbrieftes Recht auf unterschiedliche Hilfsangebote sogar über die gesamte Schulzeit hinweg haben, sind die Hürden hier zu Lande hoch, um Unterstützung zu bekommen. Zünglein an der Waage ist der Paragraph 35A des Sozialgesetzbuches: Kinder, die wegen dauernder Misserfolge in der Schule von seelischer Behinderung bedroht sind, haben einen Anspruch auf unterstützende Förderung durch den Staat. Theoretisch – wie viele Eltern feststellen mussten. Langfristig macht sich Doris Pink schon Gedanken, wie es weitergehen kann, wenn sie sich eines Tages ins Privatleben zurückzieht. Ihr Wunsch, jemanden einzuarbeiten, damit diese Arbeit ihre Fortsetzung finden kann, scheint nun tatsächlich in Erfüllung zu gehen.

*Name von der Redaktion geändert

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