Parchimer nun im Guinness-Buch

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Ehrenplatz im Büro: Seniorchef Hans-Jürgen Kägebein und Sohn Del platzieren die Guinness-Urkunde Wolfried Pätzold

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29. Juli 2012, 03:57 Uhr

Parchim | Vater Hans Jürgen Kägebein und Sohn Del sind sich schnell einig: Der beste Platz für die sorgsam gerahmte Urkunde wäre unmittelbar unter dem Meisterbrief des Juniorpartners der traditionsreichen Sattlerei. Vor wenigen Tagen ist das gute Stück mit Absender London in der mecklenburgischen Kreisstadt eingetroffen. "Guinness World Record / Certificata of Participation Del Kägebein" ist dort in englischer Sprache zu lesen. Der Jungmeister hat es nun schwarz auf weiß: Zusammen mit 20 Sattlerinnen und Sattlern ist es dem 37-jährigen Parchimer gelungen, mit einem überdimensionalen Würfelbecher in das internationale Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen zu werden. "Das ist eine beachtliche Leistung. Jeder Berufskollege weis, wie schwierig der bei der Würfelbecherherstellung notwendige ,Stich durch das halbe Leder’ ist", gibt Vater Hans-Jürgen, der den Familienbetrieb in der dritten Generation seit Jahrzehnten führt, nicht ohne Stolz zu bedenken. Und es gibt einen weiteren Grund zu Freude: In diesem Monat blickt der Handwerksbetrieb auf 100 Jahre zurück. "Auch wenn wir es nicht gefeiert haben, ist der Eintrag meines Sohnes in das Guinness-Buch ein tolles Geschenk", sagt der 68-jährige Chef, der seinerzeit den Betrieb von seinem Vater Kurt übernommen hat. Albert Kägebein hat 1912 den Grundstein gelegt.

Die Herstellung des Lederbechers fand im Rahmen der 17. Jahrestagung des Jungmeisterkreises der Sattler im Januar 2011 in Augsburg statt (wir berichteten). Rund 50 junge Meisterinnen und Meister gehören zu dieser Arbeitsgemeinschaft, die dem BVFR (Bundesverband der Fahrzeugausrüster und Reitsportsattler e.V.) angeschlossen ist.

Sechs Stunden haben die Nachwuchssattler benötigt, um den 91,5 Zentimeter hohen und 75 Zentimeter breiten Becher aus Rindsleder anzufertigen. Mit seinen Ausmaßen (Höhe, Durchmesser und Wanddicke) entspricht er der zehnfachen Größe eines originalen Würfelbechers und ähnelt einem südländischen Terracotta-Gefäß.

In mehreren Arbeitsschritten, angefangen mit dem Zuschnitt der Innen- und Außenwand, des Becherbodens sowie mehreren Lagen von Schaumstoff zur Verstärkung der Becherwand, begann das Probieren, das genaue Anpassen sowie das Verkleben der einzelnen Teile um einen zuvor aus Sperrholz gefertigten Rohkörper. Dabei wechselten sich die jungen Handwerker bei den verschiedenen Arbeitsschritten ab, so dass jeweils zwischen vier und sechs Sattlerinnen und Sattler mit der Fertigung beschäftigt waren. Schließlich schlossen zwei Jungmeister die abschließenden Nähte an der Außenwand und dem Boden, ebenfalls im Maßstab eins zu zehn.

"Uns ging es nicht vorrangig um diesen einmaligen Rekord", betont der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft im Bundesverband der Fahrzeugausrüster und Reitsportsattler Timo Grothe aus Oberhausen nach Bekanntgabe des Guinness-Eintrages. "Wir wollen mit der gemeinsamen Arbeit unser altehrwürdiges, doch auch hochmodernes und attraktives Handwerk wieder stärker in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit stellen".

Und das sei dringend nötig, sind sich auch Hans Jürgen und Del Kägebein einig. "Das Handwerk bewegt sich in schwierigem Fahrwasser und wird mitunter stiefmütterlich von der Politik behandelt", meint der 68-Jährige, dem die Arbeit noch immer Spaß macht und der ans Aufhören keinesfalls denkt. In den vergangenen Jahrzehnten hat er als Sattlermeister die Höhen und Tiefen hautnah miterlebt. "Vor der Wende wurde das Handwerk getreten, heute habe ich mitunter den Eindruck, dass es zertreten wird", spitzt Hans Jürgen Kägebein die Probleme seiner Zunft zu.

Zu Kägebeins Kunden zählen Reitsportler, die ihrem Lieblingspferd hochwertiges Zaumzeug gönnen, Autofans, die individuelle Ledersitze benötigen oder Bootsbesitzer, die sich eine neue Persenning leisten. "Solide Handwerksarbeit hat seinen Preis. Mit Billigprodukten im Internet können und wollen wir uns nicht messen. Doch diese Entwicklung ruiniert das Handwerk", gibt der Altmeister zu bedenken. Für ihn sei es ein schlechtes Zeichen, dass auch der Zusammenhalt der Handwerker untereinander nicht mehr so wie früher funktioniert. "Wir brauchen eine starke Lobby, um unsere Interessen durchzusetzen", sagt der Meister. Umso mehr freue er sich, dass sein Sohn Del nicht nur in seine Fußstapfen getreten ist, sondern im Bundesverband auch aktiv mitarbeitet. Auch der dreijährige Enkelsohn Leopold hat die Werkstatt schon ins Herz geschlossen. Da gibt es durchaus Hoffnung, dass Kägebein noch lange ein anerkannter Name in Handwerkerkreisen und bei Kunden bleibt.

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