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Hilfe in Parchim : Mutter trinkt, Vater prügelt

vom
Aus der Redaktion der Parchimer Zeitung

Kinder von Suchtkranken leiden noch als Erwachsene / In Parchim wird eine Angehörigengruppe gebildet

von
erstellt am 20.Okt.2015 | 08:00 Uhr

Kinder von Süchtigen leiden auch noch als Erwachsene an den Spätfolgen. Wenn Eltern alkoholkrank sind, bestehe für die Kinder die Gefahr, selbst psychisch krank zu werden, sagt die Parchimer Suchtberaterin Jutta Scharf. Damit sich Betroffene austauschen können, soll in der Kreisstadt eine Angehörigengruppe gebildet werden.

Zwei Parchimer schilderten gegenüber SVZ, was sie in ihrer Kindheit durchgemacht haben. Die junge Frau, die vor uns sitzt, ist durch das Martyrium mit einer saufenden Mutter gegangen. Heute hat sie selbst Kinder und möchte diese beschützen. Und doch geriet sie immer wieder an Partner, die selbst trinken. Der junge Mann, der sein Schicksal schildert, hat als Kind gegen seinen saufenden und gewalttätigen Vater angekämpft. Er sieht heute Rot, wenn ihm jemand dumm kommt.

Die junge Frau erzählt: „Ich war viel auf mich alleine gestellt“. Wenn ihre Mutter aus dem Haus gegangen ist, konnte sie nicht schlafen. Sie hatte Angst, dass wieder etwas passiert. Dass ihre Mutter wieder einmal betrunken die Treppe herunter fällt und sich verletzt. Es gab keine Feier, wo kein Alkohol auf dem Tisch stand, berichtet die Parchimerin. Für sie als Kind war das ganz normal. Sie habe selbst auch zeitweise Alkohol und Drogen konsumiert.

Der jungen Mann berichtet: Wenn sein Vater betrunken nach Hause kam, versuchte er, seine Mutter zu schützen. „Ich hatte Angst, dass sie geprügelt wird“, sagt er. Er sei als Kind dazwischen gegangen. Der Parchimer kann seiner Mutter bis heute nicht verzeihen, dass sie so lange gezögert hat, bevor sie sich endlich von dem alkoholkranken Vater trennte. Denn das war der Ausweg...

Aus den Schilderungen der beiden Parchimer wird klar: Sie fühlten sich früh in ihrer Kindheit in die Situation gedrängt, selbst eine Verantwortung zu übernehmen. Eine Verantwortung, die sie überhaupt nicht schultern konnten.

Kinder von Suchtkranken unterscheiden sich später von anderen, sagt Jutta Scharf. Die Kindheit habe Auswirkungen auf das Leben. Ein Großteil von Trinker-Kindern werde selbst alkoholkrank, weil sie das Verhalten der Eltern kopieren. Für die anderen stehen diese beiden Parchimer.

Sie habe gelernt, zu verdrängen, nicht hinzuschauen, erzählt die junge Frau über das Zusammenleben mit ihrer Mutter. Sie sei mit der Erfahrung aufgewachsen, desto mehr Leistung sie gibt, desto mehr Zuneigung erfährt sie. Sie reagiert heute sehr rabiat, wenn Alkohol auf den Tisch kommt. Selbst Sekt trinkt sie nur verdünnt. Wegen ihrer Kinder. Doch gleichzeitig, so erkennt sie erst jetzt, gerät sie immer wieder an trinkende Männer, die ihr erklären, dass ihr Alkoholkonsum doch gar nicht so schlimm ist.

Den junge Mann ließ dagegen der der Typ seines Vaters nicht los. Wenn ein dominanter Chef auftrat, fühlte er sich oft ausgeliefert – wie in seiner Kindheit. Er konnte dann lange Zeit nicht mehr richtig denken. So eckte er an in der Firma.

„Man schaltet ab, wird handlungsunfähig“, sagt Jutta Scharf. Durch die Kindheitsentwicklung ist das Selbstwertgefühl eingeschränkt, erklärt die Suchtberaterin. Unbewusst wiederholen sich Entwicklungen. Und die Gefahr besteht, dass die Betroffenen vom Regen in die Traufe kommen.

Der erste Schritt für Angehörige von Suchtkranken aus dem Dilemma ist nach Meinung von Experten, das Tabu zu brechen, über die belastende Situation zu reden und Hilfe zu suchen.

Die beiden Parchimer bekommen bereits Unterstützung von Experten im Suchthilfezentrum. Möglichkeit zum zusätzlichen Austausch mit anderen Angehörigen von Suchtkranken verspricht eine neue Angehörigengruppe. Sie soll am 28. Oktober erstmals zusammenkommen von 18 bis 19.30 Uhr im Suchthilfezentrum in der Stegemannstaße 11.

Kontakt: Kloster Dobbertin, Suchthilfezentrum Parchim; Stegemannstraße 11, 19370 Parchim, Tel.: 03871 66041

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