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Parchim : Mütter & Töchter beim Frühstückstalk

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Im Solitär des Parchimer Landratsamtes ist am Samstag kein Stuhl mehr frei, als Mechthild Netzel die Gäste begrüßt. Sie sind gekommen, um den Vortrag über Mütter, Töchter und deren spannungsreiche Beziehungen zu hören.

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erstellt am 19.Mär.2012 | 10:26 Uhr

Parchim | Im Solitär des Parchimer Landratsamtes ist am Samstagmorgen um 9 Uhr kein Stuhl mehr frei, als Mechthild Netzel vom Verein Frühstückstreffen für Frauen e.V. die Gäste begrüßt. Sie alle sind gekommen, um gemeinsam das vom Team der Lewitz-Werkstätten liebevoll arrangierte Frühstück zu genießen und dem Vortrag über Mütter, Töchter und deren oft spannungsreichen Beziehungen zu hören. Ein Thema, das interessiert und das ankommt, so wie bei Ingeborg Nienkerk aus Lancken, die bekennender Fan des Frauenfrühstücks ist. "Ich schätze die Atmosphäre hier sehr und verpasse nach Möglichkeit keine Veranstaltung", so die ehemalige Lehrerin. Auch Ingeborg Nienkerk ist nicht nur eine Tochter, sondern selbst Mutter zweier Töchter. Die beiden Frauen, heute 47 und 48 Jahre alt, sind lange schon aus dem Haus, leben in Rostock und Schwerin und haben eigene Familien. Und genau so wie Ingeborg Nienkerk, die sich mit der Beziehung zu ihren Töchtern beschäftigt, sind auch die Frauen im Saal gespannt, wie die Referentin sich dem Thema nähern wird.

Anneke Pilgrim, die früh morgens schon aus Berlin angereist ist, nimmt die Frauen im Saal mit auf eine innerliche Phantasiereise. Wie wäre es für sie, an einem Fotowettbewerb für Mütter und Töchter teilzunehmen? Die Gedanken daran sind ganz sicher so unterschiedlich wie die Frauen selbst und ihre Beziehungen, und doch haben die Frauen im Saal eines gemeinsam: Sie alle sind Töchter von Müttern. "Wir setzen die Dinge unserer Mütter fort, ob bewusst oder unbewusst, denn sie haben uns geprägt", bringt Anneke Pilgrim den Gedanken auf den Punkt. Zwei Extreme in dieser komplexen Bindung, beschreibt die Referentin. Da ist zum einen die enge Verbundenheit, die der Tochter mitunter die Luft zum atmen nimmt, zum anderen, und das ist der krasse Gegensatz, die Beziehung, in der statt Nähe nur Distanz und Fremdheit herrschen. Egal in welchen der Extreme sich die Töchter bewegen, eine Frage hat doch für alle eine gewisse Brisanz: Wie finde ich einen Frieden in der Beziehung mit meiner Mutter?

Anneke Pilgrim hat sich auf die Suche nach Antworten gemacht und dabei in sich selbst und in der Beziehung zu ihrer Mutter gesucht, mit vielen Töchtern gesprochen und Verhältnisanalyse betrieben. Die Ergebnisse dieser Studien und Erfahrungen hat sie mit nach Parchim gebracht und in ihrem kurzweiligen Vortrag den Gästen des Frauenfrühstücks dargelegt. Sie nähert sich diesem sensiblen Thema mit Feingefühl, einer Prise Humor, ergänzt durch kleine private Anekdoten. So sorgte das Ergebnis einer Studie, nach der das häufigste Streitthema zwischen Müttern und ihren Töchtern die Frisur sein soll, für viel Heiterkeit und Erstaunen. Gleich danach sollen übrigens die Themen Kindererziehung, Männer und Haushalt kommen. Doch wie kompliziert und von Altlasten geprägt diese Verbindungen bei vielen auch sein mögen, Schuldzuweisungen sollen es keine werden, betont Anneke Pilgrim immer wieder. Viel wichtiger sei die Auseinandersetzung. Wie war es früher mit uns? Wie ist es heute? Wie erlebte und erlebe ich meine Mutter, die das erste weibliche Vorbild für mich war und die mich in elementaren Dingen geprägt hat. Dinge wie Selbstliebe, die Beziehung zu Männern und Kindern und zum eigenen Leben. Oft erlebt Anneke Pilgrim Frauen, die ein untrügliches Gespür dafür haben, was ihre Familie und andere Mitmenschen brauchen, gleichzeitig fehlt es ihnen jedoch, wenn es um sie selbst geht. Dabei sei das einer der "Knackpunkte". Auf sich selbst und die inneren Bedürfnisse schauen, sich anzunehmen, sich zu mögen, so wie man ist und vor allem, das Gefühl zu haben, geliebt und angenommen zu sein. Nur so wird es möglich, alte Verletzungen loszuwerden, sie loszulassen. Und dann schwelt da auch immer noch die Frage: Wer ist meine Mutter wirklich? Warum ist sie so wie sie ist? Für viele Frauen ist die Muttergeneration gleichzeitig die Kriegs - und Nachkriegsgeneration, Frauen, die viel Schlimmes erlebt, Entbehrungen und Leid erfahren haben. Und so viele Jahre voller Leid können sie nicht einfach so auslöschen oder wegdrücken, es hat sie geprägt für ihr ganzes weiteres Leben. Und auch das ist eben bezeichnend, das es für viele eben nur möglich ist, die Liebe weiterzugeben, die sie in ihrer Kindheit erfahren haben, dass ihre Werte und Vorstellungen oft andere sind, als die der nachfolgenden Generation. Doch Anneke Pilgrim schafft nicht nur Fakten, sie möchte ihren Zuhörerinnen auch Mut machen. Mut, die Schritte der Klärung zu gehen und den Weg der eigenen Auseinandersetzung. "Und es werden erstaunliche Begegnungen möglich sein", ist sie sich sicher. Das Publikum honoriert ihren Vortrag mit viel Applaus. Ein Publikum, das aus Frauen besteht, die allein gekommen sind, als Mutter-Tochter-Duo und was für viel Begeisterung sorgte, Frauen einer Familie aus drei und sogar vier Generationen. Sie alle, die Töchter ihrer Mütter, genossen einen Vormittag mit einem guten Frühstück, anregenden Gesprächen, schöner Musik und einem interessanten Vortrag, der sicher viele zum Nachdenken anregen und Impulse geben konnte.

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