Theater Parchim : Mit Mut und Herzblut

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Mit dem gespenstisch-musikalischen Märchen „Das kalte Herz“ feiert das Ensemble morgen seine erste Premiere in der Stadthalle.

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08. Februar 2014, 09:00 Uhr

Verstört stolpert der Kohlenmunk-Peter durch den Wald. Nur der Holzfäller-Michel kann ihm jetzt noch helfen, seinen größten Wunsch zu erfüllen: reich zu werden und Liesbeth heiraten zu können. Finstere Sagen ranken sich um den Holzfäller, und immer finsterer wird es auch im Tann, als plötzlich ein Irrlicht aufblinkt…

„Zu früh, die Augen. Zu früh!“, ruft Regisseur Carl M. Pohla. Auf der Bühne läuft David Kopp, der Darsteller des Peter, unbeirrt weiter. Und kurze Zeit später, als erneut Irrlichter am Bühnenrand auftauchen, lehnt sich auch Pohla wieder zurück. Jetzt stimmt der Einsatz.

Zum ersten Mal ging am Donnerstagabend „Das kalte Herz“ in einem Durchlauf über die Bühne der Parchimer Stadthalle. Bis das gespenstisch-musikalische Märchen morgen um 16 Uhr seine Premiere erlebt, wird es noch drei weitere Proben geben, so der Parchimer Theaterintendant Thomas Ott-Albrecht. Wie dem gesamten Ensemble, so merkt man auch ihm die Anspannung nur an winzigen Kleinigkeiten an: Da wird die eine oder andere Zigarette mehr geraucht als sonst, auch mal die falsche Türklinke gedrückt…


Neues Ambiente
für die neue Spielstätte


Seit Mitte Januar aus Sicherheitsgründen das Mecklenburgische Landestheater Parchim geschlossen wurde, ist an der kleinen Bühne nichts mehr, wie es war. „Wir hatten 2013 einen fantastischen Lauf, 31 000 Zuschauer sahen unsere Vorstellungen, und auch in der ersten Hälfte der aktuellen Spielzeit brummte der Laden“, erzählt Intendant Ott-Albrecht. Nun ist er auf der Suche nach Ersatzspielstätten.

Die Stadthalle bot sich als erstes an – nicht zuletzt, weil in Parchim unbedingt auch weiterhin große Produktionen gezeigt werden sollen, so Ott-Albrecht. Doch die Halle ist zwar für Konzerte, nicht aber für Theatervorstellungen gerüstet. So mussten, nachdem am Sonntag noch Stefan Mross auf der Bühne stand, Licht- und Tontechnik nachgerüstet werden. Am aufwändigsten war es, die Bühne mit schwarzem Stoff zu verkleiden – vier Arbeitskräfte waren am Montag acht Stunden lang damit beschäftigt.

Bis zum Dienstag probte das Ensemble noch auf der Theaterbühne – das ist weiter zulässig. In der Stadthalle galt es dann erst einmal, sich an die veränderten Dimensionen und Wege zu gewöhnen. „Es erfordert ein großes Maß an Erfahrung, sich sehr schnell auf wechselnde Spielstätten einzustellen“, weiß Intendant Ott-Albrecht. Dass das selbst seinen relativ jungen Schauspielern „auf bemerkenswerte Art“ gelingt, sei auch dem Umstand geschuldet, dass die Parchimer Bühne seit jeher ein Wandertheater ist:„Die Hälfte unserer Zuschauer haben wir schon immer im Gastspielbetrieb gezählt.“

Künftig wird dieser Anteil noch größer werden. „Aus den Schulen hieß es bisher immer, dass die Klassen lieber zu uns kämen, um richtige Theaterluft zu schnuppern – aber für die nächsten drei Jahre gehen sie auch mit, dass wir zu ihnen kommen“, erklärt Dramaturgin Katja Mickan. Viele Stücke aus dem Repertoire seien ja von vornherein als Klassenzimmerstücke konzipiert worden. „Den ,Faust‘ beispielsweise haben wir schon in 30 Spielstätten gezeigt.“ Jetzt kommt auch die Theatergaststätte in der Blutstraße dazu, heute Abend wird das eigentlich für den Malsaal des Theaters konzipierte Stück dort zum ersten Mal gezeigt.


Damit das Licht in der Blutstraße nicht ganz ausgeht


Überhaupt soll die Theatergaststätte weiter so oft wie möglich bespielt werden –„auch aus ganz symbolischen Gründen, damit hier das Licht nicht ganz ausgeht“, betont Intendant Ott-Albrecht. Zumal: Die Vorstellungen dort gehören seit jeher zu den größten Magneten des Hauses. „Ein Herz und eine Seele“ steht am Freitag schon zum hundertsten Mal auf dem Spielplan – und die Vorstellungen sind auch für die kommenden Monate bereits ausverkauft.

Mit „Emmas Glück“, einem weiteren Publikumsmagneten, wird das Parchimer Ensemble voraussichtlich ab April im Rostocker Theater im Stadthafen zu sehen sein. Die Remise des Landratsamtes, das Boizenburger Theaterschiff und die Räume des Jugendfördervereins in Dreilützow sind ebenfalls als künftige Spielstätten im Gespräch.

„Die nächsten drei Jahre müssen wir irgendwie überstehen“, sagt Intendant Ott-Albrecht. „Und wir müssen im Gespräch bleiben.“ Die Premiere am Sonntag wird sicher dazu beitragen. Denn Pohlas „Kaltes Herz“ verblüfft und verzaubert – auch, weil es so ganz anders angelegt ist, als der Defa-Film mit Erwin Geschonneck, der vielen als erstes einfällt, wenn sie an das Märchen von Wilhelm Hauff denken. „,Das kalte Herz‘ geht auch in bunt“, beteuert Pohla. Und es geht auch mit Bezug zum Heute: Wenn Steffen Schlösser als Holländer-Michel im Rammstein-Stil ein Herz aus Stein besingt. Wenn das Glasmännchen (Carolin Bauer) über Geld und Moral philosophiert. Und wenn Peter und der Gelbe (Marlene Eiberger) auf ihrer Weltreise nach Parchim kommen und auf die Stadthalle schauen. „Schön?“, fragt der Amtmann. „Schön!“, erwidert sein Begleiter.

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