Parchim : Mit 130 Sachen in den Gerichtssaal

Gisela Laatz und Harald Gerdes vermitteln gerne bei vorgerichtlichen Streitschlichtungen.
Gisela Laatz und Harald Gerdes vermitteln gerne bei vorgerichtlichen Streitschlichtungen.

Einblicke in den Parchimer Justizalltag: Nicht immer gleich Mord und Totschlag

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24. November 2017, 05:00 Uhr

Es muss nicht immer ein Jahrhundertprozess sein, damit sich Tür und Tor der Gerichtssäle öffnen. Und es sind auch nicht gleich panzerknackerartige Gesellen, die mit tief in die Stirn gezogener Kapuze auf der Anklagebank sitzen. Das zeigte der Tag der offenen Tür der Zweigstelle Parchim des Amtsgerichtes Ludwigslust. Die Verhandlung im Saal 107 war öffentlich und jeder konnte mal zusehen, wie das im Gericht so läuft.

Richter Andreas Merklin, Verteidiger Kai-Uwe Trolldenier und der Sachverständige Detlev Mahlke debattierten im Saal über eine Bußgeldsache. Der Fall: Eine Ärztin war auf dem Weg zu einem Patienten mit 130 km/h in eine Radarfalle geraten. 46 km/h zu schnell, was unter anderem ein vierwöchiges Fahrverbot nach sich zog. Dagegen ging sie an. Zur Erklärung der Funktionsweise des betreffenden Radars war Detlev Mahlke anwesend. „Es gab 129 gemessene Fahrzeuge in der Messreihe, insgesamt war es eine korrekte Messung, wie auch bei der Betroffenen“, fasst der Unfallanalytiker zusammen.

Blättergeraschel, die Anwesenden schauten sich zusammen die Radarfotos an. „Zwei Sekunden vorher ist auch ein Auto mit dem Lebensgefährten geblitzt worden. Der ist nicht im Fahrverbot, die Betroffene schon, obwohl sie der Meinung ist, die gleiche Geschwindigkeit wie ihr Partner gehalten zu haben“, argumentierte der Verteidiger, die korrekte Funktionsweise des Radars anzweifelnd.

Auch ein Ast wurde beschuldigt. „Sehen Sie, der hängt im Bild. Könnte der nicht das Ergebnis beeinflusst haben?“ Detlev Mahlke schüttelt den Kopf: „Dieser Ast beeinflusst nicht den Laser sondern zeigt sich nur in der Kamera.“ Auch fehlender Mindestabstand zur Fahrbahn und nicht gewertete Fotos fruchteten nicht.

Richter Andreas Merklin überlegte trotzdem zusammen mit den anderen, wie der Ärztin ohne Führerschein nun alternativ zu helfen sei. Denn Gesetz ist Gesetz, und der Einsatz der Ärztin war augenscheinlich keine Sache auf Leben und Tod. So wurde der neutrale Sachverständige unvereidigt entlassen und es besteht zu einem anderweitigen Termin nochmals Gelegenheit, zu den Gründen der Fahrt Stellung zu nehmen. Ein halbstündiger Einblick in den Justizalltag – ohne Handschellen, Panzerglas und Polizei.

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