Parchim : Mehr Schulden bei Strom und Gas

Erfahrenes Team: Margitta Sand (l.) arbeitet seit 1995 als Schuldnerberaterin, Anette Zimmermann seit 1999.
Erfahrenes Team: Margitta Sand (l.) arbeitet seit 1995 als Schuldnerberaterin, Anette Zimmermann seit 1999.

Hilfesuchende wenden sich an die Beraterinnen Margitta Sand und Anette Zimmermann. Neue Klienten im Jahr 2015 hatten im Durchschnitt 22 500 Euro Schulden.

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17. März 2016, 12:00 Uhr

Schuldner müssen länger auf eine Beratung warten. Vier Wochen dauert es im Durchschnitt, bis sie bei den Schuldnerberaterinnen Margitta Sand in Parchim bzw. Anette Zimmermann in Sternberg und Crivitz einen Termin bekommen. Durch Sparmaßnahmen wurden die Arbeitszeiten in den Beratungsstellen gekürzt. Vorher gab es im Durchschnitt nach drei Wochen einen Termin.

366 Fälle hatten die Beraterinnen im Vorjahr auf dem Tisch. Davon sind 85 im Laufe des Jahres neu hinzugekommen. Stark gestiegen sind die Energieschulden, sagt Margitta Sand. Die neuen Klienten des Jahres 2015 standen bei Strom und Gas mit zusammen rund 50 000 Euro in der Kreide, 2014 waren es unter 38 000 Euro. Menschen mit Energieschulden haben meist auch andere Verbindlichkeiten. Jeder neue Klient brachte es im Durchschnitt auf 22 500 Euro Schulden bei zwölf verschiedenen Gläubigern.

Zusätzlich zu den umfassenden Beratungsfällen nutzten 298 Frauen und Männer Kurzberatungen, bei denen die Klienten bei einem Termin Hilfe erhielten. Die Fragen in solchen Gesprächen waren unterschiedlich. Beispielsweise: Was erwartet mich, wenn der Gerichtsvollzieher kommt? Meist ging es aber um die Hilfe für Bürger, die ein pfändungssicheres Konto (P-Konto) einrichten wollten. Die Schuldnerberater dürfen an Hand vorgelegter Belege Bescheinigungen für Banken ausstellen. Mit diesen kann sich die Summe erhöhen, die im Monat aufs Konto gehen kann, ohne dass gepfändet werden darf. Ein Basisschutz von 1073 Euro besteht für jeden. Lebt beispielsweise zusätzlich ein Ehepartner plus ein Kind im Haushalt, liegt die geschützte Summe bei 1703 Euro. 114 Bescheinigungen für P-Konten haben die Schuldnerberaterinnen im Vorjahr ausgefüllt, davon 103 bei Kurzberatungen. Da dieses Problem drängt, versuchen die beiden Frauen, in solchen Fällen binnen einer Woche einen Termin anzubieten.

Eine weitere Tendenz aus dem Vorjahr: In den überschuldeten Familien leben mehr Kinder. 60 waren es 2015 bei den neuen Klienten in Parchim, Sternberg und Crivitz (2014: 49).

Damit sind Einschränkungen für die Kinder verbunden, sagt Margitta Sand. Beispielsweise beim Theater- oder Schwimmhallenbesuch von Schulklassen, weiß Anette Zimmermann: Wenn das Geld nicht da ist, lassen Eltern ihre Kinder zu Hause. Nicht alles könne durch das Bildungs- und Teilhabepaket für Hartz-IV-Empfänger aufgefangen werden, erklären die Schuldnerberater.

Als Hauptgründe ihrer misslichen Lage gaben die neuen Klienten der Schuldnerberatung im Vorjahr an erster Stelle an: Erkrankung, Sucht oder Unfall sowie unwirtschaftliche Haushaltsführung. Sprich dass sie nicht gelernt haben, mit Geld umzugehen. Dahinter folgen als Gründe: Einkommensarmut und Trennung. Das Thema Arbeitslosigkeit sahen die Schuldner im Vorjahr hingegen seltener als Grund für ihr Übel. Vor einem Jahr hatte das Thema noch einen Spitzenplatz.

Für 41 Hilfesuchende haben die Schuldnerberaterinnen im Vorjahr einen Antrag auf Privatinsolvenz gestellt. 34 Verfahren wurden bereits eröffnet. Die Betroffenen erhalten dadurch eine zweite Chance. Nach sechs Jahren können sie wieder schuldenfrei sein und neu beginnen.

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