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Lange Straße in Parchim : Mehr als 850 Kunden kamen per Pkw

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Seit dem die frühere Fußgängerzone in der Langen Straße in Parchim wieder befahrbar ist, freuen sich die ansässigen Händler über mehr Kunden. So auch Blumenhändler Matthias Koschitzki.

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erstellt am 17.Okt.2012 | 12:19 Uhr

Parchim | Wer hätte es gedacht: Seit dem 3. Januar sind bei Blumenhändler Matthias Koschitzki in der Langen Straße Nummer 67 bis dato mehr als 840 Kunden mit dem Auto vor das Geschäft gefahren, um einzukaufen. "Wenn ich das hochrechne, erwarte ich bis zum Jahresende bis zu 1200 potentielle Kunden. Damit gelingt es mir, trotz der schlechten Marktlage den Umsatz zu halten", so der Geschäftsmann. 180 Euro hätte erst kürzlich eine Frau bei ihm ausgegeben, die er zuvor noch niemals in seinem Laden gesehen hatte. Für Matthias Koschitzki haben sich die Anstrengungen bereits gelohnt. Seit Jahren hat er sich dafür eingesetzt, dass die frühere Fußgängerzone wieder befahren werden kann, um Leben in die zum großen Teil abgestorbene Straße zu bringen. Für ihn stand schon immer fest: "Wir müssen dem Volk aufs Maul schauen". Nicht nur junge Leute favorisieren nun mal die Einkaufstour mit dem eigenen Auto.

Doch Koschitzkis Freude über die seit Anfang Januar praktizierte Probephase blieb auch beim ersten Erfahrungsaustausch mit Betroffenen - darunter Ladenbesitzer, Geschäftsleute, Unternehmervertreter, Anwohner und Mitarbeiter der Stadtverwaltung - nicht unwidersprochen. "Die Belästigungen vor allem in den Morgen- und Abendstunden sind unerträglich. Selbst wenn die Geschäfte längst geschlossen haben, kann man nicht mehr bei offenen Fenstern schlafen oder das Fernsehprogramm verfolgen", klagt eine junge Anwohnerin. Sie hält offenbar wenig von der Öffnung für den Fahrzeugverkehr. "Ohne Parkplätze vor den Geschäften macht es keinen Sinn", meint die Frau.

Wolfgang Waldmüller vom regionalen Unternehmerverband hat seinerseits eine Tendenz ausgemacht, "das ganze wieder rückgängig zu machen" und mahnt: "Da kann man nicht zusehen, wenn man Stillstand hat. Man muss etwas tun!". Von der erst vor wenigen Tagen vorgelegten Auswertung einer großen Umfrage der Stadtverwaltung hält Waldmüller wenig: "Die Fragestellungen haben uns überrascht". So habe beispielsweise die Suggestivfrage, (Stellen Sie seit Öffnung der Langen Straße eine Verschlechterung ihrer Wohnqualität fest?) die nur Anwohnern und Hauseigentümern gestellt worden ist, für Waldmüller keinen Wert. Vielmehr hätte er sich dafür interessiert, woran 70 Prozent der Bewohner in der Langen Straße fest machen, dass sich ihre Wohnqualität verschlechtert habe. "Das, was hier derzeit schief läuft, muss konsequent verändert werden", so der Unternehmervertreter. Als "vollen Erfolg" bewertet Waldmüller dagegen die Aussagen der an der Umfrage beteiligten Gewerbetreibenden (rund 50 Prozent), die zur Hälfte steigende Kundenströme, positive Auswirkungen auf das Geschäft und eine positive Umsatzentwicklung bescheinigen.

Der zuständige Fachbereichsleiter der Stadt Holger Geick greift die Kritik auf und sichert noch vor Ort zu, dass die nächste Befragung "im Einklang mit den Unternehmern" erfolgen werde.

Nico Skiba, Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses der Stadtvertretung, bringt die Hauptkritik aller Beteiligten auf den Punkt: "Wir müssen den Lärm begrenzen und die Einhaltung der Verkehrsvorschriften garantieren". Bis zu 900 Fahrzeuge nutzten im Sommer am Tag die verkehrsberuhigte Straße. Kaum jemand halte sich an die Maximalgeschwindigkeit von 7 km/h und viele Radfahrer nehmen keine Rücksicht auf die Fußgänger. "Warum wird nicht kontrolliert? Wolfgang Waldmüller: "Wir müssen Messungen einfordern!". Holger Geick gibt den Ball weiter: "Die Stadt darf nicht messen. Dafür sind nur Polizei und der Landkreis zuständig. Wir werden aber mit Nachdruck daran erinnern". Die Polizei hatte ihrerseits erst kürzlich argumentiert, dass die Messungen in der Langen Straße technisch kaum machbar sind und es deshalb auch noch keine gegeben habe. Damit wollten sich die Mehrzahl der Teilnehmer des Erfahrungsaustausches keinesfalls zufrieden geben.

Wer erwartet hat, dass neue Vorschläge zur Ausgestaltung der Straße auf den Tisch kommen, wurde arg enttäuscht. Für Stadtvertreter Gerd Beyer (FDP) - der sich als Befürworter der verkehrsberuhigten Straße outete - sei es nicht nachvollziehbar, dass auch diesmal nur ein kleiner Teil der Ladeninhaber überhaupt an der Diskussion teilnimmt. "Gewerbeverein und Unternehmerverband haben offenbar Nachholbedarf, alle zusammen zu bringen", glaubt er.

Ob und wann die Straße nachts mit einem Poller gesperrt wird, ob und wann hier Raser dingfest gemacht werden, ob und wie Radfahrer ermahnt werden oder ob und welche Aktivitäten für die Gestaltung der Straße initiiert werden, bleibt spannend.

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